Unten am Fluss
Jedes Jahr. Jedes Jahr ist Buchmesse. Jedes Jahr geht es um die Zukunft des Lesens. Jedes Jahr ist die Rede von dem elektronischem Buch. Dieses Jahr ist es das Ding. Endlich. Jetzt. Wie letztes Jahr. Und vorletztes Jahr und überhaupt in jedem Jahr, in dem die Buchmesse nach der Einführung des Privat-PCs stattfand.
Aber dieses Jahr gibt es ein App. Letztes Jahr nur epub. Und den Kindle.
Es gibt eine deutsche Buchreihe, die ich nicht mag. Ich mochte sie schon als kleiner Junge nicht, und daran hat sich nichts geändert. Ich hatte einige schmale Bände und weiß daher noch, das die Reihe drei Worte als Bezeichnung hatte, die ausgesprochen einprägsam waren. Es handelt sich dabei um eine pädagogisch wertvolle Buchreihe, in der anhand von diversen farbigen Zeichnungen, hervorgehobenen Texten und großformatigen Seiten scheinbar komplexe Themen erklärt werden. Scheinbar deshalb, weil sie sie nur anreissen können, also quasi als Teaser funktionieren. Das Kind, in der Regel der Junge, kann das Thema, sofern es ihn dann wirklich interessiert – so scheint der Hintergedanke zu sein – dann selbst weiter recherchieren. Im Normalfall ist es allerdings so: Oma, Tante und viele andere haben ein Weihnachtsgeschenk, das es in unendlicher Form gibt, weil die Bandreihe nie endet und schmeißen den Halbwüchsigen damit an Festtagen zu. Die Zahl der Themen reichte locker dazu aus Interesse in Desinteresse zu wandeln.
Was ich daran nicht mochte, das war eigentlich nur, das es schlicht Kinderkram war. Natürlich soll es das sein, vollkommen korrekt. Aber es überforderte mich ziemlich, kleine aufbereitete Häppchen zu konsumieren, die mir keine Möglichkeit boten, weiter zu fragen, zu bohren und irgendwas heraus zu bekommen. Ich war tierisch gelangweilt,und benutzte die Bände im Stapel als Abschussrampe für mein Matchbox-Autos. Im Schülerhort hieben wir damit entweder auf den Tisch, was sehr laut knallte, oder uns gegenseitig auf den Kopf. Richtig gelesen hatte das dort sowieso keiner.
Es gibt einen englisch amerikanischen Verlag, der unter einem Doppelnamen firmiert. Er zeichnet sich durch weitgehend weiße Schutzumschlägen aus, die durchsetzt sind von angeordneten Zeichnungen der behandelten Thematik. Auch diese Bücher sind sehr graphisch aufbereitet, und enthalten geradezu unglaublich knallige, aber akkurate Zeichnungen zu jenen Themen, die sie für den Leser sinnbildlich darstellen wollen. Die Bücher strotzen vor visueller Kraft, ihrem Detailreichtum und ihren Optionen die Welt multimedial zu erfahren. Diese Bücher fallen auf. Sie stehen im Regal und allein schon durch die uniforme Aufmachung, die auf weißem Grund – neben dem großen Logo – die spektakulärsten Bilder in vielfältiger Form zeigen, sind sie beeindruckend präsent.
Die Produkte dieses Verlages sind sehr beliebt, sehr erfolgreich und werden daher gerne kopiert. Der Verlag bringt seine Bücher in allen Sprachen raus. Und wird natürlich auch in allen Sprachen entsprechend nachgemacht, das Konzept wird mit leichtem Abwandlungen variiert und große Teile des angloamerikanischen Buchmarktes sind mittlerweile von dem Stil der Herausgeber beeinflusst. Klappt man diese Bücher auf, so fällt das Auge immer erst auf ein Bild, dann ein weiteres, dann seitliche Texte, hervorgehobenen Texte, weiterführende Texte und Tipps. Das Konzept des Buches vermittelt den Eindruck, als ob man auf Wunsch die Möglichkeit hat, tiefer liegende Informationen zu schürfen. Tatsächlich jedoch ist es eher so, das relevante Informationen, die möglicherweise durch ihre Zahlenspielerei eher den Textfluss stören, ausgelagert werden und an anderer Stelle angebracht sind. Überhaupt scheint Textfluss nicht unbedingt das Thema zu sein, sondern eher der suchende Blick. Ähnlich wie in einer Programmzeitschrift , in der das Auge vertraute Dinge sucht.
Je multimedialer ein Buch in den letzten Jahren wurde, umso unruhiger schien es zu werden. Waren früher Illustrationen rare, textbegleitende Massnahmen zur Verdeutlichung eines Umstandes oder zur Erhöhung der Dichte, oder einfach nur, damit man beim Vorlesen etwas zu zeigen hatte, ist es heute oftmals schon ein Problem ein Buch vorzulesen, wenn es nicht gleich einen Ablaufplan mitliefert.
Epub. Eink. Sony-Reader. Kindle. Ich war dabei. Nichts schien mir so genial, wie ein Display, das kein Strom verbraucht, wenn es seinen Inhalt darstellt. Ich hatte in den letzten Jahren das Problem, das ich den Besitz materieller Güter, deren symbolischer Wert den tatsächlichen übersteigt, als Belastung empfand, wenn ich sie nicht nutzen konnte. Soll heißen: Bücher, die teilweise über ein Jahrzehnt ungelesen, oder nicht wieder gelesen, in meinem Schrank standen und sich dort vermehrten, bereiteten mir eher Sorge als Freude. Sie waren Arbeit, Miete, in ihrem Äußeren erdrückend, und außer einer exquisiten Wärmedämmung erweckten sie lediglich den Eindruck, ich hätte noch etwas nicht abgeschlossen, müsste noch etwas erledigen. Zugegeben, möglicherweise ist das therapierbar, aber anderseits: Vielleicht muss man so etwas überhaupt nicht therapieren. Ich tat alles, um meine Bücher loszuwerden. Weitgehend alle. Außer die Fotobände.
Also epub. Tausende von Büchern, alle fitzelig klein, und trotzdem plan darstell- und im Park lesbar sind. Ohne Regale. Ohne Kistenschleppen. Genial. Die Beschränkungen der eInk-Geräte (keine Bewegung, keine Farbe, begrenzte Darstellung, kein Touchscreen, keine Notizen) empfand ich als Vorteil. Die ersten Geräte waren fern des Netzes, und erst das Kindle war ein Shop zum mitschleppen, der es einem erlaubte hier und dort immer wieder etwas einzukaufen. Neil Gaiman schwärmte auf den Amazon-Seiten. Und Neil Gaiman darf alles. Wenn Neil Gaiman sagt, das seine Tochter mit dem Kindle klarkam, dann war das für mich schon eine Nacht lang Kampf, ob ich mir das Ding nicht zulegen.
Es war dann doch der Sony-Reader 505. Jetzt ausverkauft. Sagt Sony. Und Thalia .Aber wahrscheinlich pendelt irgendwo noch ein Zug mit eine ganzen Ladung herum und wird sie nicht los. Wenn ihr ihn seht: Kaufen! Den Zug! Den Reader!
Wer heute, knapp 1 ½ Jahre später einen Sony Reader 505 hat, der hat quasi eine elektrische Schreibmaschine. Schon was modernes, aber heute will das keiner mehr – außer Leute, die Angst vor Maus und Bildschirm haben.
Gegen alle Kindles, Ipads und Blackberrys: Ich gebe ihn nicht her, und wer mir noch einen verkaufen will, weil er ihn gerne loswerden möchte, der darf mir einen Preis nennen.
Im Zusammenhang mit der Buchmesse wird jede Woche eine Innovation in die Menge geworfen, die eigentlich eher auf die Ifa passt. Wieder ist die Rede vom Buch mit Links und Klicks und medialen Beiträgen, mit Audiodateien und Anbindung an Google Earths, Raum für eigene Notizen, sowie der Option Filme über den Autor, seine Ideen und seine Lebensweise zu sehen.
Aber es ist genauso, wie es bei all diesen Kinderbüchern war: Es kommt kein Lesefluss mehr zustande, im Gegenteil das Thema Lesefluss, wahrscheinlich das Wort an sich, ist verschwunden.
Prosaisch gesagt ist Lesefluss die Beschreibung eines komplexen Vorganges. Fast als organische Einheit. Und wer meint, das sei das Wort zum Sonntag, der mag recht haben: Jepp, Apokalypse! Lasst mich einfach mal der konservative Geist sein und erklären. Früher setzte sich das unbekannte Wesen Leser in die Gartenlaube, auf eine Decke oder an den Kamin gelehnt mit einem Buch und las es. Manchmal an einem Stück, bis die Kühle vom Gras aufstieg, der Kamin erlosch oder die Sonne am untergehen war. Warum das funktionierte, hatte damit zu tun, das es hin und wieder das Gefühl gab unendlich viel Zeit zu haben, und gleichzeitig an einem anderen Ort zu verschwinden. Sich in diesem einzufinden und mit Piraten einen Kampf auszufechten (die man sich alle samt und sonders in ihrer Physiognomie selbst ausgedacht hat. Obwohl sie durchaus rudimentär beschrieben waren.)
Karl May, der ein Rad abhatte, was sein Verhältnis zu Abenteuerromanen anbelangte, konnte einst sehr gut beschreiben, welch schädlichen Einfluss die Welten maskierter Helden auf ihn hatte. Und wie weit er damit von seiner sächsischen Heimat abdriften durfte, der kränkliche, gebeutelte Junge. Bücher, so wie man sie schon auf Pergamentrollen schrieb, offenbarten ihr Geheimnis nur dann, wenn man dem Leser Deutungspielraum liess. Diesen hatte er auszufüllen. Seine Aufgabe.
Wenn ich heute sehe, wie man sich bemüht, Büchern Klang, bewegte Bilder und klickbare Tiefen zu geben, dann kann ich mir nicht vorstellen, jemals noch mal einen Raum eigenständig zu beherrschen und diesen in Kooperation mit dem Buch zu gestalten. Der Leser ist mitnichten der Konsument, als der er von den innovativen Verlagen gesehen wird, er ist eigentlich ein Regisseur. Er verfilmt ein Skript, das ihm vorliegt, und das ist Arbeit. Gute Bücher erschöpfen, sie inspirieren, sie munter auf und sie werden getragen. In Taschen, in Herzen und weitergegeben. Das ist der Sinn eines Buches.
Schon dieses war einer der Fehler: Elektronische Bücher, diese Mikroben im Datenreich, kann man nicht weitergeben. Begrenzt wird es gewährt, aber mit Notizen, Spuren von Tomatensosse und Tränenflecken?
Das hätte ich in Kauf genommen .Auch das man mit ihnen keine Schuhe ausstopfen, keinen Fisch einwickeln und kein Briefpapier basteln kann. Hätte ich überlebt. Aber das Teufelchen, das man nun aus der Box springen liess, das möchte ich doch gerne wieder rein drücken.
Belletristik schreit natürlich nach einem gradlinigen Lesefluss, an dessen Ufer es keine Verzweigungen gibt. Non-Fiction dagegen wäre doch wie gemacht für das multimediale Buch. Verweise, Verlinkungen, all das für Querleser, die sich über Wikipedia einarbeiten können und damit eine Grundlage für Recherchearbeit bekommen. Das Buch also als Startpunkt in die Unendlichkeit. Also genau das, was heute das Web darstellt.
Ein Buch, auch ein Sachbuch, ist für mich eher die geschlossene Flasche mit einem Buddelschiff, das ich von allen Seiten betrachten kann. Ich kann es vielleicht auch zerstören und rausholen, aber es bleibt eine sehr enge Angelegenheit. Diese allerdings erschöpfend. Ich finde auch Hinweise für weitere Anknüpfungspunkte, diese aber fern davon. Das Buch war immer ein abgeschlossene Universum, ausgelegt um möglichst umfassend über etwas zu unterrichten oder zu unterhalten.
Doch um den Faden zurück zu spinnen: Das Buch ist ja nicht unschuldig. Die Verlage arbeiten ja schon seit Jahren darauf hin. So gibt es Bücher mit quäkenden Mikroprozessoren, Anschlüsse an neue Technologien und eben oben genannte Sachbücher, die wie schreiende Webseiten daherkommen, den Blick des Lesern über relevante und unwichtige Informationen gleichermaßen schweifen lassen wollen um ihn dann mit einer üppigen Grafik einzufangen. Und das wird ja gekauft.
Spinne ich ein bisschen rum, dann darf ich jetzt sagen, das also sowieso keiner mehr liest. Was ja wohl gelogen ist. Pauschal würde ich behaupten: Frauen lesen. Und es ist geradezu unglaublich was Frauen lesen. Bergeweise Bücher. Belletristik ohne Ende. Wer Frauen kennenlernen will, der solll in Buchhandlungen gehen. Dort sind die Schönsten. Immer, jederzeit.
Wer kauft Computerzeitschriften? Männer. Sie kaufen Berge von Computerzeitschriften. Sie stapeln sie, lesen sie, reissen sie auseinander, heben sie auf und lesen sie dennoch nie wieder.
Wer erfährt nun als erstes von einem elektronischen Buch? Wer wird es unglaublich interessant finden? Wer wird damit rumspielen wollen? Und wer wird hier als Kunde gesehen? Liebe Verlage, lernt mal eure Kunden kennen. Es muss doch irgendetwas falsch laufen, wenn man seit über zwanzig Jahren ein Produkt launchen will, an das sich einfach kein Kundeninteresse entzündet und es jedes Jahr hochjubelt.
Wie können Verlage, die berufsmäßig mit Papier und dem gedruckten Wort befasst sind, so falsch liegen und die positiven Eigenschaften ihres Produktes nicht kennen : Ruhe, Nutzbarkeit in fast jeder Umgebung, tragbar, weitgehend unabhängig von Energiequellen, einfach recyclebar, günstig im Erwerb, möglicher Wiederverkaufs- und Weitergabewert, produziert irgendwo süchtig machende Stoffe etc. ?
Wieso versucht man mit aller Gewalt ein Produkt, das sich milliardenfach immer noch verkauft, auf die Ebene 2.0 zu heben, es damit für unvollkommen zu erklären, obwohl ab zu sehen ist, das man quantitativ durchaus noch Gewinne einfahren kann, wenn man qualitativ aufrüstet. Ich meine, mal ernsthaft: Geht es dem Carlsen-Verlag irgendwie schlecht?
Wie gesagt, ich liebe epubs, sie kommen dem, was ich bei einem Buch fand, am nächsten. Trotzdem ist es mir vollkommen klar: Sie stellen nur einen Ersatz dar. Sie sind nichts neues, sondern dem Nachempfunden, das mir seit vielen Jahren zusagt und Freude bereitet. Sie sind so gut an dieses Produkt angelehnt, das ich damit zufrieden sein kann und nichts vermissen muss. Trotzdem lese ich Papierbücher. Problemlos. Und es bleiben immer dieselben Dinge, die ich an diesen beiden Formaten schätze: Autarkes, unabhängiges Geniessen, eines unaufdringlichen Mediums, das ablenkungs- und störungsfrei daherkommt.
Sorry, aber dafür gibt es kein App.