Mehr Licht!

19.01.10

Nichts gegen Kritik, aber…

Photo-Communities, Photos, Soul & Mind

Mit der sogenannten konstruktiven Kritik verhält es sich ähnlich wie mit dem geflügelten Wort von den Grenzen der Satire. Keiner weiß so recht, was es bedeutet, außer der Ge- oder Betroffene, der weiß es plötzlich sehr genau.

Als ich vom Saulus zum Paulus wurde, und mich vor über einem Jahr entschloss, (FOTO-)Communities eher kritisch zu beäugen, als sie noch jemals wieder als Chance zu sehen oder zu bezeichnen, war daran unter anderem der große Streitpunkt der konstruktiven Kritik schuld. Ich hatte einst versucht mich dem Thema ernsthaft und teilweise zurückhaltend anzunähern, in dem ich zu beweisen suchte, das es innerhalb so großer Menschenansammlungen wie die heutigen Communities keine konstruktive Kritik in dem gewünschten Sinn geben kann. Ich scheiterte fruchtlos. Dieser geflügelte, kaum reflektierte Begriff ist nicht ab zu schaffen. Obwohl er es wert wäre.

Umso dankbarer bin ich Andreas Hurni, dass er sich der Thematik freiwillig noch mal annimmt und zu ähnlichen Schlüssen wie ich kommt. Auch wenn er eher höflich mahnt und damit unter Umständen eine Arbeitsgrundlage oder zumindestens eine Diskussionsgrundlage schaffen will.

Ich lehne den Ansatz einer konstruktiven Kritik auf Netzebene für einzelne Werke explizit ab und verfechte eher den Kurs, das man sich den Werken anderer Menschen mit den natürlichsten Gefühlsregungen annähert, die dieses Werk entweder ablehnen oder annehmen. Dieses Ablehnen kann schroff sein, es kann gelangweilt sein, genauso wie die Begeisterung für ein Werk scheinbar unkritisch und hysterisch wirken darf, aber zu mehr wird das Netz niemals in der Lage sein. Denn im Gegensatz zu einer Offlinegroupe, die sich in einem workshop-Charakter mit einem Thema beschäftigt, ist der Reiz des Netzes eher jener, der den geneigten Betrachter dazu verführt über seinen Tellerrand zu schauen. Das er damit nicht zum Experten wird, aber durchaus Geschmack beweisen kann oder auch nur Geschmack haben kann, versteht sich von selbst.

Während der eine oder andere brüskiert ist, wenn der Laie sein Nichtgefallen äußert oder verstört reagiert, wenn man ihm anonym mitteilt nichts weltbewegendes geschaffen zu haben, fand ich es immer ausgesprochen spannend, jene unbekannte Menge aus Pfarrer, Milchmädchen und Börsenmakler mit meinen verschrobenen Fotos zu erreichen. Ich fühlte mich genauso geehrt, wenn ich merkte, das fünfzehnjährige Mädchen in Australien meine Fotos weitergaben, wie wenn einer meiner hochverehrten Götter herab blickte und das, was ich machte für gut befand.

Ich fand es eher anstrengend, wenn mir jemand seine Fachkompetenz beweisen wollte, in dem er mir eine strukturierte Analyse meiner Fehler antat und versuchte mir dieses als konstruktiv (weil mit Anleitungen “zum-Besser-machen” versehen) verkaufen wollte. Ich nahm es hin, nickte es ab, aber beeindruckt hat mich es mehr, wenn die Leute, die mit mir einen Wein tranken und das Brot brachen, die Krümel beiseite wischten und meine Bilder gelangweilt oder verliebt ansahen. Sie mussten mir nie sagen, was ich besser machen sollte oder was sie gut fanden, und dennoch lernte ich soviel davon, das ich voller Inspiration und halb besoffen daraufhin wieder heim ging.

Andreas Hurni hat fünf Gründe dafür aufgeschrieben, warum konstruktive Kritik in Fotocommunities oft bei einzelnen Bildern nicht funktionieren kann. Ich zitiere:

  • Der Autor ist uns im allgemeinen nicht bekannt, ebenso seine Ansichten zur Fotografie.
  • Meistens hat er sich zum Bild nicht oder noch nicht geäussert.
  • Zudem gibt es von der Aufnahme keine Alternativen zu sehen
  • und die Aufnahmesituation ist unbekannt.
  • Es ist unbekannt, welche Art von Kritik erwartet wird, falls überhaupt.

Ich möchte dazu ergänzend sagen: Ich gehe davon aus, dass Bilder ohne Fotografen funktionieren müssen. It’s the song, not the singer. Ich bin nur sehr schwer dazu bereit etwas über mich, meine Art zu fotografieren zu erzählen, wenn ich weiß, dass dieses zur Bildinterpretation oder zur Kritikhilfe dienen soll. Dann ist mir das nämlich gar nicht recht, dann würde ich gerne darauf verzichten. Dann verzichte ich schließlich auch darauf.

Ich gehe davon aus, dass Bilder entweder als Cover oder als Poster oder Kalenderblatt dem Betrachter begegnen. Ich denke dabei aber auch an Museen, wo die Erklärungen der Bilder ein kleiner, teilweise nichts sagender Zettel ist (ich muß unbedingt noch etwas über die Fotoausstellung im Stuttgarter Cubus schreiben, wenn ich noch Zeit habe). Das Bild muss auf den Betrachter erstmal wirken, bevor er geneigt ist, sich mit Aufnahmesituation etc. zu beschäftigen. Das heißt: Bevor der Betrachter den theoretischen Hintergrund weiß, steht seine Entscheidung schon fest, ob er das Bild mag. Und dieses Empfinden ist – in meinen Augen – viel wertvoller als der verbrämte, kraftvolle Versuch eine Erklärung dafür zu finden.

Viele Fotografen in den sogenannten Fotocommunities, die sich die angezettelten Diskussionen auf die Fahnen schreiben, erbitten sich die sogenannte “konstruktive” Kritik und verbieten sich Lobhudeleien, die sie all jenen unterstellen, die aus ihrer Zuneigung zu dem Bild wenig Worte machen. Das Problem der Communities ist, das sie auf Werbung beruhen. Wer viel Aufmerksamkeit will, der muss sie erregen, der muss hervorstechen, der muss schreiben, denn was anderes geht nicht (sieht man mal von sensationellen Bildern ab, die nur ca. 1/20stel aller Fotografen wirklich dauerhaft hin bekommen. Das dürfte noch zu hoch gegriffen sein). Somit schreibt sich derjenige, einen Wolf, der Response für seine Bilder will. Und er schreibt sich solange einen Wolf, bis er merkt, das sich andere auch unter seinen Bildern einen Wolf schreiben, und das dieses System eventuell darauf aufbaut, das man viel Arbeit rein stecken muss, um viel zu ernten. Was dann aber nicht wirklich etwas mit Fotografie zu tun hat. Sondern eher mit einem Pilotenspiel. Und da scheint die Forderung nach konstruktiver Kritik berechtigt.

Bleibt nur die Frage: Was soll dabei raus kommen, wenn Laien sich in der konstruktiven Kritik üben und auf demselben Level wie der Fotograf, Tipps geben, die selten “state of the art” sind, aber sehr viel aussagen über die Herkunft und die Motivation des Kritikers? Was soll der Kritisierte damit anfangen? Wird er sie als konstruktiv betrachten? Mitnichten.

Um ein plastisches Gegenbeispiel zu geben. Der Sinn der konstruktiven Kritik lag oder liegt in einer Anleitung des Bessermachens, die einem z.b. bei einem Aktzeichenkurs in der VHS begegnen kann. Das Model steht in der Mitte einer Gruppe, denen es darum geht einen möglichst naturalistische Abbildung dessen, was sie sehen, anzufertigen. Der Professor/Dozent/Maler geht von einem zum anderen, bemängelt hier die Ausmaße der Hüfte, dort die Haltung des Kopfes, und hier wieder die mangelnde Detailzeichnung der Hände, entwirft Alternativen, und gibt Ratschläge, wie man den Schatten besser einbindet.

Klar, um was es geht?

Maximal der Workshop, die gemeinsame Zielsetzung, die Anleitung einer anerkannten Respektsperson, das klare Wissen um Kenntnisstand und handwerklichem Vermögen, erlaubt eine sogenannte konstruktive Kritik. Darum:
Fotografen, geht offline, fotografiert und betrachtet das Internet als großen Fotoband. Hütet euch davor in einem Fotoband überall eure differenzierten Kommentare auf das Blatt und unter das Foto zu schreiben. Ein einfaches “Gut!” tut es auch. Weiß jeder was gemeint ist, und ihr macht euch nicht lächerlich.

Und vor allem: Macht Fotos, schaut Bilder, macht Fotos. Und bitte: Macht immer andere Fotos als alle anderen. Immer. Unbedingt. Versucht die Bilder zu machen, die noch keiner gemacht hat.

2 Feedbacks zu "Nichts gegen Kritik, aber…"
schöner fotografieren » Blog Archive » Ein zentraler Knoten

[...] Thema konstruktive Kritik entwickelt sich. Ein Gesprächsfaden von Andreas Allgeyer ist hinzugekommen, unsere Basis scheint mir ähnlich zu liegen, worin wir uns [...]





andreas




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