Irgendwann in den nächsten Tagen werde ich mal ein Resümee ziehen und mir bei meiner Beurteilung zum Thema Itunes den Ärger der Fanboys zuziehen. Bis dahin mal drei Worte zum Thema Umstieg von Windows auf den Apfel: Alles edel, alles fein und alles wunderbar.
Ich muss was erklären. Es ist mir ein wichtiges Anliegen. Immer wieder ensteht der Eindruck, die “Photo of the day“-Bilder wären von mir. Also von mir gemacht. Das aber ist nicht der Fall. Bedauerlicherweise. Ich hätte sie alle gerne gemacht. Sie liegen mir sehr am Herzen. Ich mag diese Bilder, ich schätze sie. Aber sie sind nicht von mir.
Normalerweise steht unter den Bildern immer der Name des Fotografen. Klickt man auf das jeweilige Bild, dann ist man sofort bei ihm/ihr. Ich wünschte, jeder würde das machen. Die Portfolios bzw. Galerien der jeweiligen Fotografen sind es auf alle Fälle wert.
Ich möchte, dass sie alle, so wie ich sie vorstelle, berühmt werden. Bekannt werden, dass man sich ihre Bilder immer und immer wieder ansieht. Sie kaufen möchte, an die Wand hängt. Galeristen sollen aufmerksam werden. On- und Offlinezines. Viele, viele Menschen. Alle, denen ich diese Sachen irgendwie zeigen kann.
Mir ist das wichtig. Ich bin voll und ganz der Meinung, dass VHS-Kurse und Technik-Fotobände nur halb so viel bringen, wie Fotos von anderen Fotografen. Ich glaube, je mehr man sieht, um so eher wird das Auge geschult. Wer ein geschultes Auge hat, wer viel gesehen hat, wer gutes gesehen hat, der wird besser unterscheiden können, was außergewöhnlich ist, der wird besser erzählen können, der wird besser fotografieren können, besser schreiben können und ein interessanterer Mensch. Alles Gutes, was man sieht, wird das Gute, das man weitergeben kann. Und dadurch wird man interessant. So einfach ist das.
Mit interessant meine ich: Sexy, Intelligent, Clever, Begehrenswert. Bekommt tausend Frauen. Oder Männer. Was immer man favorisiert.
Ich meine das ernst. Sehr ernst.
Und darum zeige ich Bilder. Ich will, dass die Fotografen bekannt werden, ihr sexy und erfolgreich und schließlich selber Bilder zeigt.
Ich würde als Photo of the day meine eigenen Bilder zeigen, wenn ich bekannt werden wollte. Wenn ich wirklich richtig fett im Geschäft sein wollte. Wenn ich stilsicher und glasklar eine Linie hätte, Erwartungen erfüllen könnte und wüßte wie man das macht, dass man die Fans auch hält, wenn man experimentieren will. Wenn ich in der Lage wäre Aufträge zu erledigen, und nicht todunglücklich wäre in diesem Auftrag. Wenn ich ein gutes Gefühl hätte, wenn ich Bilder verkaufen würde. Wenn ich eine eindeutige Position gegenüber dem Wort “Bilderklau” hätte. Wenn ich es schlimm finden würde, unbezahlt zu fotografieren. Ja, dann würde sich mein Blog nur mit mir beschäftigen. Dann würde ich nur meine Bilder zeigen, dann wäre mir das total wichtig.
Aber ich fotografiere vielleicht ein Jahr nicht. Oder ich mag nicht blitzen. Kein Studio. Bin verunsichert, wenn die Models lieber posen und Visagistinen wollen, obwohl ich mich gerne einfach mit ihnen unterhalte, und dabei die besten Bilder mache. Oder ich sage zu spontan zu, wenn mich jemand frägt, ob ich ihn, sie oder alle drei mal fotografieren möchte, ohne das mir das Wort Geld überhaupt einfällt. Und sobald es fällt, quäle ich mich morgens aus dem Bett, schlurfe zum Treffpunkt, fluche auf das Wetter, das Licht, den Filmtransport, den Tag, das Essen, das mir schwer im Magen hängt, die Sonne, die mich schwitzen lässt, der Boden, der zu nass ist, die Location, die ich einfach hasse und will wieder heim ins Bett.
Und dann schließe ich die Kamera weg, heule mich in meinem Blog aus und kaufe mir Buntstifte, mit denen ich kindische Zeichnungen in unzählige Notizbücher kritzle. Gib mir Kohle, gib mir alles und irgendwie macht es dann keinen Spaß mehr.
Ich habe Spaß an Bilder, an Fotos, an Ideen, an Menschen. Ich mache das in meiner Freizeit. Ich mache das, wann ich es will. Ich mache es mit netten Menschen. Den nettesten. Denen, mit denen ich mir das vorstellen kann. Ich will heimgehen und ein verdammt gutes Gefühl haben. Ich will keine Setlist, keine Sedcard, kein Ablaufplan, keinen Termin, der dringend ist, keine übestürzten Aufbrüche, keine besoffenen Nächte vor Photoshop bis einem die Augen tränen, weil man was versprochen hat. Ich will positive Erinnerungen bearbeiten, die mich freuen, den der Abgebildet ist und die, die es sehen. Ich will privat und einfach rumkruschteln. 250.567 Bilder in diesem Jahr machen und fünf im nächsten. Und trotzdem zufrieden sein.
Sie sollen alle Erfolg haben. Ich wünsche es jedem. Alle Träume sollen sich erfüllen. Jeder, den ich vorstelle, hat es verdient. Ich würde sie alle gerne gedruckt sehen. Überall, meterhoch auf Plakatwänden. Aber meine Bilder und meine Fähigkeiten gibt es dann für Kohle, wenn ich sonst keine andere Möglichkeit mehr habe, sie zu verdienen. Bis dahin ist die Welt in Ordnung, und die Sonne scheint in meinem kleinen Fotografenleben zum guten Wein, Käse und lässt mir verdammt viel Ruhe.
Und nochmal: Die Bilder, unter denen Namen stehen, sind nicht von mir. Die großen Bilder, unter denen keine Namen stehen, sind allerdings von mir, und können auch auf Flickr bewundert werden.
Normalerweise fehlt mir jegliche Lust Tagespolitik zu kommentieren. Ich nehme sie wahr, lese mit, diskutiere gerne darüber wo immer sich die Gelegenheit bietet, aber in meinem Blog kann ich mir das aus verschiedenen Gründen eigentlich verbeissen. Ich habe viel zu oft das Gefühl, dass bessere Leute klügeres darüber gesagt haben.
Aber im Augenblick bin ich schwer irritiert und kann die Schritte, die wir gehen um an Daten von Steuersündern zu kommen, nicht so ganz nachvollziehen. Moralisch finde ich es eigenartig, wenn ein Staat einem Dieb dafür Geld gibt, dass er ein Verbrechen in einem anderen Land begegangen hat. Noch dazu ein Land, mit dem wir freundschaftlich verbunden sind, das wir anerkennen und dessen Gesetzgebung wir normalerweise – wenn auch zähneknirschend – respektieren. Ein gewisses Understatement prägt solche Beziehungen, und es gibt dabei Dinge, die man einfach nicht macht. Und wenn man sie macht, dann vielleicht nicht unbedingt so öffentlich, wie das gerade stattfindet. Schon um niemanden zu brüskieren.
Ich zweifle nicht daran, das es auf internationaler Ebene Praktiken gibt, von denen ich nichts mitbekomme, die ich moralisch aber vielleicht ebenso verwerflich finde wie den Ankauf von Daten, die nicht uns gehören, und nur auf illegalem Weg in unseren Besitz gelangen. Aber ich kann jetzt auch sagen, das es sich so wie bei den Eisbergen verhält. 90% dieser Aktivitäten finden unter dem Wasser oder unterm Radar oder einfach außerhalb meines Sichtfeldes statt. Weil ich das jetzt einfach mal vermute. Ich halte den aktuellen Vorgang für eine Panne, und hätte es begrüßt, wenn jeder Beteiligte dieser Regierung nach der Veröffentlichung einen Schritt zurück gegangen wäre und abwehrend Abstand von dem Ankauf genommen hätte.
Denn wie soll das jetzt weitergehen? Wird es nun eine Art Underground-Ebay für Staaten geben, in denen die freien oder freigesetzten Admins die Daten aus den Beständen ihrer Arbeitgeber den Regierungen des Nachbarlandes anbieten können? Ist es nun tatsächlich so, das der Zweck die Mittel heiligt, und man quasi ein Kopfgeld auf Steuersünderdaten setzen kann und damit einen Anreiz für Datendiebstähle schafft, in dem man hierzulande etwas legalisiert, was man eigentlich – würde es in unseren Banken stattfinden – aufs schärfste verurteilen würde?
Und sollte man nicht darauf hören, wenn der Bundesbeauftragte für Datenschutz Peter Schaar Bedenken anmeldet? Für was hat man den Mann in sein Amt gehievt, wenn man dann doch nicht auf ihn hören will? Was ist das Amt in einer Regierung wert, die diese Bedenken ohne wirklich fundierte rechtliche Grundlagen einfach beiseite wischt? So nach dem Motto, was einmal geklappt hat, das ist schon okay?
Ich bin nicht dafür, das man Steuersünder ziehen lässt, aber diese Art von Eskalation und das rigorose Überspringen von moralischen Geboten kann nicht die Lösung sein.
Was nun folgte, ist die nähere Ortbestimmung der konstruktiven Kritik bzw. ihr Mapping. Die zentrale Frage, um die es irgendwann wahrscheinlich gehen wird ist: Ist der kreative Output einer Zufallsbekanntschaft per Kritik überhaupt zu erfassen? Kritisierbar? Und, folgerichtig, kommt diese Kritik überhaupt dort an, wo sie ankommen soll, oder ist sie die reine Selbstbefriedigung des Wissenden?
Andreas Hurni vergleicht Fotoportale sehr gerne mit Dorfplätze.
“Wenn man Communities versteht als Dorfplatz, wie ich dies zu Beginn der Diskussion zu diesem Thema tat, bevölkert mit unterschiedlichsten Talenten, wenn man beobachtet, wertet, aussortiert, ausprobiert, zuhört, mitdiskutiert, über den Tellerrand schaut, dann ist da durchaus einiges zu holen, allerdings ist es eher ein diy-Angebot, welches man sich selbst zusammenstellen muss. Die Community in diesem Sinne ist nur ein für vieles offenes Umfeld, das man sich selbst förderlich einrichtet. Entsprechend findet man dann auch eine fast beliebige Anzahl kleiner Seilschaften, welche unterschiedliche Herangehensweisen pflegen.“
Ich verbinde Dorfplätze erstmal nicht mit so einem positiven Bild, sondern betrachte sie skeptisch und als ein Ort, an dem Marktschreier ihre Ware anpreisen, Gaukler ihr Spiel spielen und ernsthafte Charaktere einkaufen oder weiterziehen, aber in der Regel gehört der Dorfplatz den Einsamen, den Gewerbetreibenden und den lautesten Bewohnern eines Dorfes.
Ich sehe Dorfplätze nicht als Orte der tiefschürfenden Diskussionen. Ich sehe ein, dass sie Diskussionsgrundlagen schaffen. Da mag der Verkünder der Nachrichten stehen, dort mag der politische Kandidat seine Pamphlete verteilen und dort findet vielleicht eine Demo statt. Wo jedoch soviele Richtungen und Charaktere zusammentreffen, dort wird man eher wütende Worte, besoffene Tiraden und quäkende Kinder hören, die alle die Wahrheit sagen, aber nichts Nachhaltiges zurücklassen können. Wer tiefer gehen will, wer die Hintergründe erforschen möchte, wer im Detail etwas beleuchten will, wer ein Interview führen möchte und ein strenges Gespräch über Kunst und Künstlichkeit führen möchte, der wird den Dorfplatz verlassen müssen, um die eigenen vier Wände, einen Park oder eine gastlichere Stätte auf zu suchen.
Andreas Hurni nennt die Technik als Grundlage der erlernbaren Gemeinsamkeit, die in einer Fotocommunity eventuell das förderliche und klebrige Element sein könnte (oder vielleicht auch sollte). Hier mag man ihm spontan recht geben, schließlich sind die Eckpunkte der Fotografie ja scheinbar gleich und entsprechend einzugrenzen. Licht fällt durch Loch auf eine Oberfläche und bildet dort etwas ab. Im besten Fall bleibend und für immer. Fällt das Licht nicht durch, dann bleibt das – was auch immer (Chip oder Film) eben weiß. Hätte man mal den Objektivdeckel abgenommen. Hätte man später was gesehen. Du sollst also den Objektivdeckel abnehmen, um ein Bild zu machen.
Unabhängig von allen Arten der Fotografie (Lochkamera, digitale Kamera, Nikon, Canon, Leica, Hasselblad usw.) haben wir hier vielleicht die einzige konstruktive Kritik, die durchgehend gelten mag, wenn ein weißes Blatt Papier aus der Entwicklung oder dem Drucker kommt.
Oder um es von der anderen Richtung anzugehen: Technik kann auch heißen, das mich jemand bei einem farbverfälschten, analogen Film darauf aufmerksam macht, das Photoshopspielereien nicht immer hilfreich sind (gelinde gesagt). Jaja.
Womit wir sofort in der Kreativität landen, die für den einen besagt, das schon die Infrarotfotografie ein kreatives Element ist (und dadurch unstreitig wahrscheinlich gar nicht diskutier- oder kritisierbar), während der andere den vollkommenen Verzicht auf jegliches Objektiv als kreativen Ausdruck empfindet und das Baden seines Filmes in einer Brühe, die an Jägersosse erinnert, ihn sicherlich über jeden Verdacht erhaben macht. Soll heißen: Faktisch gibt es eine gemeinsame Technik, die sicherlich auch erlernbar ist, aber in einer Zeit, in der der Fehler von gestern der Reiz von heute ist (Über- und Doppelbelichtung, Cross-Processing, abgelaufene Filme, unscharfe, aquarellähnliche Fotografie etc.), ist es quasi unmöglich in dieser Technikdiskussion Zuflucht zu finden.
Denn im Zweifelsfall ist “alles Absicht!”. (Eine Floskel, auf die ich mich übrigens immer und in jedem Fall berufe, und, verflixt, ich meine das wirklich ernst!).
Würden Communities anders funktionieren, dann würden wir vielleicht nicht bei dieser Abwehrhaltung landen. Ich bin der Meinung, das diese Dorfplätze kaum ein gemeinsames Element besitzen, und das dieses Multikulti nicht wirklich funktioniert, aber das Seilschaften auch nicht die Lösung sind, sondern lediglich eine Abgrenzung.
Andreas ist sehr verankert in der deutschen Fotocommunity, die ich gerne im folgenden mit weniger Zorn und mehr Respekt, aber durchaus mit Ablehnung behandeln möchte. Ich habe in einem Kommentar unter seinem Artikel gemeint, das ich Communities noch 1 fettes, 2 gute und dann ein mageres Jahr gebe, weil die Mitglieder solcher Gemeinschaften auf Dauer zu sehr gestresst werden.
Ich möchte das ausführen: Da die Technik ein sehr begrenzter Teil der Gemeinsamkeit ist, und die Kreativität durchaus in der Fehlerbehaftung einer Aufnahme ihre Schönheit erkennen kann, wird innerhalb eines Dorfplatzes, der generell für die Leute ausgelegt ist, die am lautesten agieren, die kraftvolle Auseinandersetzung, der Clash und die hochgeschaukelte Emotionen der wichtigste Klebstoff sein. Die Mitglieder einer Fotocommunity setzen sich aus sehr unterschiedlichen Personen zusammen: Den reinen Technikern, den reinen Kreativen, die die einsam sind, jenen, die gerne Zoff machen und welche, die abends oder tagsüber aus Langeweile gerne etwas erleben wollen. Man darf sich nichts vormachen: Die reinen Techniker und die reinen Kreativen suchen nicht die Masse, sondern die Gleichgesinnten. Die Seilschaft, wie es Andreas Hurni ausdrückt, aber obwohl sie tatsächlich immer die Wärme der Dorfkneipe suchen, landen sie irgendwie (sie können machen was sie wollen) am Schluß wieder auf dem Dorfplatz. Oder der Dorfplatz landet in der Kneipe und will mal an ihrem Stammtisch mitmischen.
Möglichst große Gemeinschaften scheitern erstmal nicht, sondern ziehen quasi als Selbstläufer immer mehr Mitglieder durch ihre Größe an (so geht es facebook, so geht es myspace, so geht es flickr, so geht es deviantart..), aber es ist fragwürdig, ob all diese Mitglieder tatsächlich dort ihre Heimat finden oder einfach nur mit Dingen konfrontiert werden, die sie eigentlich vermeiden wollten. Wenn alle Leute in der Fotocommunity sind, wo ist dann der Reiz einer solchen Gemeinschaft, wenn man dort doch wieder nur dieselben Nasen wie auf Wer-kennt-wen antrifft? Einfach aus dem Grund, weil alle Menschen eine Kamera haben? Ist in einem solchen Rahmen das Fachgespräch, das man vielleicht über Megapixel und Objektive anzetteln wollte, effizient, oder sollte man Gemeinschaften nicht eher wie Dönerstuben nutzen: Haste Hunger auf Fast Food, dann gehste da rein, aber wer dort jeden Tag drin ist, der macht sich sowieso verdächtig. Hat der kein Zuhause? Keine Küche?
Ist ein Platz, auf dem die Leute gerade mal als Gemeinsamkeit anerkennen, das sie gerne “Bildermachen”, tatsächlich der richtige Platz für Ambitionen, Kritik, Diskussionen und der Fähigkeit einen Tellerrand zu überschreiten?
Ich schätze z.b. Deviantart sehr. Ich bin dort kaum aktiv, hinterlege dort kaum Bilder, beteilige mich selten bei Aktion, Diskussionen und pflege dort auch wenig Freundschaften. Was ich an deviantart mag, das ist die Tatsache, das mir dort ganz klar die Grenzen gezeigt werden, in denen meine kreativen Fähigkeiten liegen. Ich würde es – schon aufgrund meiner geradezu bescheidenen Zeichnungen – niemals wagen etwas ernsthafter in dem Bereich der Zeichnungen, Animationen oder Spraykunst mitzumischen. Ich werde da zum reinen Bewunderer, der einfach nur noch “toll” stammeln kann. Und das oftmals zwischen einer Horde Teenager, die tausendmal talentierter ist, als ich. Die Trennung von der eigenen Betätigung ist so klar, und so erfrischend, das ich in einem Bereich Zaungast sein darf, in dem ich nicht aktiv und einfach nur dankbar bin, dass mich freut wenn ich ein Teil der Freude, die ich beim Betrachten mancher Zeichnung empfinde, einfach zurückgeben kann.
Deviantart hat den Vorteil, das zwei Dinge nicht im gedachten oder echten Header stehen, die sich z.b. die deutsche Fotocommunity auf die Fahnen geschrieben hat. Es steht da nicht, das es nur um Fotos geht (also empfinden die Leute auch keine technische Gemeinsamkeit, die sie zu einer konstruktiven Kritik veranlassen könnte) und es steht dort nicht: Diskutiere über deine Bilder!
Sakra, ich will überhaupt nicht über meine Bilder diskutieren. Wer das will, der darf gerne darüber sprechen, sie meinetwegen auch zereissen, schimpfen, darauf herumtrampeln, aber ich…warum sollte ich über meine Bilder diskutieren wollen? Ich will sie machen. Ende.
Ich wollte in Fotocommunities immer nur Bilder zeigen, welche sehen und geniessen. Applaudieren und weiterziehen. Ich empfinde manche Bilder durchaus als widerlich, schlecht und unnötig, aber jeder Ansatz zum Diskutieren zwingt mich dazu mich noch mehr mit diesem Bild (das ich nicht mag) auseinander zu setzen, nur um dann am Schluß zu hören, das man es mißverstanden hat, gar nicht die Zielgruppe war und sowieso alles Absicht war.
Also, so what?
Communities, die so stark auf Diskussion und Konfrontation bauen, müssen sich damit abfinden, das nur die Stärksten ihrer Diskutanten und jene, die am liebsten diskutieren, aber sich nicht um die Thematik scheren, ihre treuesten Mitglieder bleiben werden. Communities, die so stark auf auf eine Erhöhung ihre Mitgliederzahlen bauen, müssen ihren Mitgliedern starke Filterwerkzeuge in die Hand geben, damit sie schnell und einfach in der Lage sind, das aus ihnen zu ziehen, was ihnen gefällt, ansonsten werden ihre Mitglieder sukzessiv überfordert, und das Pensum neben dem Alltag nicht mehr bewältigen. Sie werden vom Content gestresst sein.
Ob sie in dieser Situation überhaupt noch in der Lage sind, sorgfältig und rücksichtsvoll eine Kritik anzubringen, die gleichzeitig die Güte und Qualität einer Aufnahme erfasst , um den Fotografen auf ein höheres Level zu schicken, darf bezweifelt werden, zu mal man in Fotocommunities gezwungen ist möglichst viel innerhalb der zur Verfügung stehenden Zeit zu schreiben. Bei möglichst vielen, verschiedenen Fotografen. Dieser Druck erhöht sich mit der höheren Einstellfrequenz der Bilder. Wer viel Zeit hat, der wird das Pensum bewältigen, aber sich auch gebunden fühlen und in Abhängigkeit geraten. Wer wenig Zeit hat, der wird den kürzeren ziehen und versuchen einen gesunden Abstand zu gewinnen. Wer es nicht schafft, dem wird nichts anderes übrig bleiben als auf Filter zu hoffen, oder wie auf einem Dorfplatz nur die lautesten Schreier oder den eigenen Tinnitus zu hören.
Mit der sogenannten konstruktiven Kritik verhält es sich ähnlich wie mit dem geflügelten Wort von den Grenzen der Satire. Keiner weiß so recht, was es bedeutet, außer der Ge- oder Betroffene, der weiß es plötzlich sehr genau.
Als ich vom Saulus zum Paulus wurde, und mich vor über einem Jahr entschloss, (FOTO-)Communities eher kritisch zu beäugen, als sie noch jemals wieder als Chance zu sehen oder zu bezeichnen, war daran unter anderem der große Streitpunkt der konstruktiven Kritik schuld. Ich hatte einst versucht mich dem Thema ernsthaft und teilweise zurückhaltend anzunähern, in dem ich zu beweisen suchte, das es innerhalb so großer Menschenansammlungen wie die heutigen Communities keine konstruktive Kritik in dem gewünschten Sinn geben kann. Ich scheiterte fruchtlos. Dieser geflügelte, kaum reflektierte Begriff ist nicht ab zu schaffen. Obwohl er es wert wäre.
Umso dankbarer bin ich Andreas Hurni, dass er sich der Thematik freiwillig noch mal annimmt und zu ähnlichen Schlüssen wie ich kommt. Auch wenn er eher höflich mahnt und damit unter Umständen eine Arbeitsgrundlage oder zumindestens eine Diskussionsgrundlage schaffen will.
Ich lehne den Ansatz einer konstruktiven Kritik auf Netzebene für einzelne Werke explizit ab und verfechte eher den Kurs, das man sich den Werken anderer Menschen mit den natürlichsten Gefühlsregungen annähert, die dieses Werk entweder ablehnen oder annehmen. Dieses Ablehnen kann schroff sein, es kann gelangweilt sein, genauso wie die Begeisterung für ein Werk scheinbar unkritisch und hysterisch wirken darf, aber zu mehr wird das Netz niemals in der Lage sein. Denn im Gegensatz zu einer Offlinegroupe, die sich in einem workshop-Charakter mit einem Thema beschäftigt, ist der Reiz des Netzes eher jener, der den geneigten Betrachter dazu verführt über seinen Tellerrand zu schauen. Das er damit nicht zum Experten wird, aber durchaus Geschmack beweisen kann oder auch nur Geschmack haben kann, versteht sich von selbst.
Während der eine oder andere brüskiert ist, wenn der Laie sein Nichtgefallen äußert oder verstört reagiert, wenn man ihm anonym mitteilt nichts weltbewegendes geschaffen zu haben, fand ich es immer ausgesprochen spannend, jene unbekannte Menge aus Pfarrer, Milchmädchen und Börsenmakler mit meinen verschrobenen Fotos zu erreichen. Ich fühlte mich genauso geehrt, wenn ich merkte, das fünfzehnjährige Mädchen in Australien meine Fotos weitergaben, wie wenn einer meiner hochverehrten Götter herab blickte und das, was ich machte für gut befand.
Ich fand es eher anstrengend, wenn mir jemand seine Fachkompetenz beweisen wollte, in dem er mir eine strukturierte Analyse meiner Fehler antat und versuchte mir dieses als konstruktiv (weil mit Anleitungen “zum-Besser-machen” versehen) verkaufen wollte. Ich nahm es hin, nickte es ab, aber beeindruckt hat mich es mehr, wenn die Leute, die mit mir einen Wein tranken und das Brot brachen, die Krümel beiseite wischten und meine Bilder gelangweilt oder verliebt ansahen. Sie mussten mir nie sagen, was ich besser machen sollte oder was sie gut fanden, und dennoch lernte ich soviel davon, das ich voller Inspiration und halb besoffen daraufhin wieder heim ging.
Andreas Hurni hat fünf Gründe dafür aufgeschrieben, warum konstruktive Kritik in Fotocommunities oft bei einzelnen Bildern nicht funktionieren kann. Ich zitiere:
Der Autor ist uns im allgemeinen nicht bekannt, ebenso seine Ansichten zur Fotografie.
Meistens hat er sich zum Bild nicht oder noch nicht geäussert.
Zudem gibt es von der Aufnahme keine Alternativen zu sehen
und die Aufnahmesituation ist unbekannt.
Es ist unbekannt, welche Art von Kritik erwartet wird, falls überhaupt.
Ich möchte dazu ergänzend sagen: Ich gehe davon aus, dass Bilder ohne Fotografen funktionieren müssen. It’s the song, not the singer. Ich bin nur sehr schwer dazu bereit etwas über mich, meine Art zu fotografieren zu erzählen, wenn ich weiß, dass dieses zur Bildinterpretation oder zur Kritikhilfe dienen soll. Dann ist mir das nämlich gar nicht recht, dann würde ich gerne darauf verzichten. Dann verzichte ich schließlich auch darauf.
Ich gehe davon aus, dass Bilder entweder als Cover oder als Poster oder Kalenderblatt dem Betrachter begegnen. Ich denke dabei aber auch an Museen, wo die Erklärungen der Bilder ein kleiner, teilweise nichts sagender Zettel ist (ich muß unbedingt noch etwas über die Fotoausstellung im Stuttgarter Cubus schreiben, wenn ich noch Zeit habe). Das Bild muss auf den Betrachter erstmal wirken, bevor er geneigt ist, sich mit Aufnahmesituation etc. zu beschäftigen. Das heißt: Bevor der Betrachter den theoretischen Hintergrund weiß, steht seine Entscheidung schon fest, ob er das Bild mag. Und dieses Empfinden ist – in meinen Augen – viel wertvoller als der verbrämte, kraftvolle Versuch eine Erklärung dafür zu finden.
Viele Fotografen in den sogenannten Fotocommunities, die sich die angezettelten Diskussionen auf die Fahnen schreiben, erbitten sich die sogenannte “konstruktive” Kritik und verbieten sich Lobhudeleien, die sie all jenen unterstellen, die aus ihrer Zuneigung zu dem Bild wenig Worte machen. Das Problem der Communities ist, das sie auf Werbung beruhen. Wer viel Aufmerksamkeit will, der muss sie erregen, der muss hervorstechen, der muss schreiben, denn was anderes geht nicht (sieht man mal von sensationellen Bildern ab, die nur ca. 1/20stel aller Fotografen wirklich dauerhaft hin bekommen. Das dürfte noch zu hoch gegriffen sein). Somit schreibt sich derjenige, einen Wolf, der Response für seine Bilder will. Und er schreibt sich solange einen Wolf, bis er merkt, das sich andere auch unter seinen Bildern einen Wolf schreiben, und das dieses System eventuell darauf aufbaut, das man viel Arbeit rein stecken muss, um viel zu ernten. Was dann aber nicht wirklich etwas mit Fotografie zu tun hat. Sondern eher mit einem Pilotenspiel. Und da scheint die Forderung nach konstruktiver Kritik berechtigt.
Bleibt nur die Frage: Was soll dabei raus kommen, wenn Laien sich in der konstruktiven Kritik üben und auf demselben Level wie der Fotograf, Tipps geben, die selten “state of the art” sind, aber sehr viel aussagen über die Herkunft und die Motivation des Kritikers? Was soll der Kritisierte damit anfangen? Wird er sie als konstruktiv betrachten? Mitnichten.
Um ein plastisches Gegenbeispiel zu geben. Der Sinn der konstruktiven Kritik lag oder liegt in einer Anleitung des Bessermachens, die einem z.b. bei einem Aktzeichenkurs in der VHS begegnen kann. Das Model steht in der Mitte einer Gruppe, denen es darum geht einen möglichst naturalistische Abbildung dessen, was sie sehen, anzufertigen. Der Professor/Dozent/Maler geht von einem zum anderen, bemängelt hier die Ausmaße der Hüfte, dort die Haltung des Kopfes, und hier wieder die mangelnde Detailzeichnung der Hände, entwirft Alternativen, und gibt Ratschläge, wie man den Schatten besser einbindet.
Klar, um was es geht?
Maximal der Workshop, die gemeinsame Zielsetzung, die Anleitung einer anerkannten Respektsperson, das klare Wissen um Kenntnisstand und handwerklichem Vermögen, erlaubt eine sogenannte konstruktive Kritik. Darum: Fotografen, geht offline, fotografiert und betrachtet das Internet als großen Fotoband. Hütet euch davor in einem Fotoband überall eure differenzierten Kommentare auf das Blatt und unter das Foto zu schreiben. Ein einfaches “Gut!” tut es auch. Weiß jeder was gemeint ist, und ihr macht euch nicht lächerlich.
Und vor allem: Macht Fotos, schaut Bilder, macht Fotos. Und bitte: Macht immer andere Fotos als alle anderen. Immer. Unbedingt. Versucht die Bilder zu machen, die noch keiner gemacht hat.
Ich mochten den Gedanken immer. Der Blogger, die ehrliche Haut. Kompetent, tapfer, am Rande des Ruins, aufopferungsvoll schreibt er seine feste Überzeugung ins Internet. Getrieben von der Lust auf Neuigkeiten, der Kommunikation und was sonst noch zählt.
Naivität erhalte ich mir gerne. Ich weiß, dass schon seit Jahren Vorträge darüber gehalten werden, wie man mit Blogs Geld verdienen kann. Ich weiß, dass die großen Verlagen mit Verträgen winken, und das Blogs von Firmen betrieben werden. Ich weiß von Fakes und Geschenken. Alles klar, aber ich verdränge es auch gekonnt. Unter anderem deswegen, weil ich noch nicht so recht an die Breitenwirkung von Blogs glauben mochte. Im täglichen Leben spielen Blogs, nach meiner Meinung, eine untergeordnete Rolle. Das mag zwar – je nach Region, Einkommen und kulturellem Hintergrund – manchmal stark differieren, aber weder beim Bäcker sprach man bisher über einen Bloginhalt, noch hörte ich im Schwimmbad oder in der S-Bahn irgendetwas über einen interessanten Blogartikel.
Natürlich schaffen es Blogs in die Nachrichten, und klar, die Leute, die auch twittern, auf Facebook zusammenhocken und Flashmobs immer noch geil finden, die lesen auch Blogs. Selbstverständlich bekommen die auch was gehoben und ziehen ein paar Insider hinter sich her. Aber im Großen und Ganzen finde ich es als Medium eher im Bereich der Privatangelegenheiten. Liegt wahrscheinlich (oder besser: Mit Sicherheit) auch daran, das ich selbst keine Ambitionen auf ein kommerzielles Blog habe, und auch nicht mehr bekannt, übermäßig gelesen oder berühmt werden will.
Wenn man hier zusammenkommt und das eine oder andere nett findet, was ich hier poste, dann reicht mir das, dann ist das genug, dann fühle ich mich wohl. Mehr darf es schon noch werden, mehr muß es aber nicht werden. Ich lebe auch so ganz beruhigt und angenehm weiter.
Um so irritierender ist für mich die heutige Nachricht auf Spreeblick: Kauft die Süddeutsche Blogartikel?. Verwiesen wird da auf einen Vorfall, der mich erst so gar nicht interessierte. Erstmal. Ich habe kein Iphone (Gott bewahre!) und ich lese auch wenig in den Gadget-Blogs mit. Manchmal ja, aber eher nein. Soviel Kohle habe ich nicht, das ich ständig meine Wünsche oder meinen Neid nähren muß.
Der Spreeblick, den ich hin und wieder gern lese, mir oftmals auch zurückhaltender wünsche und manchmal auch einfach nicht verstehe, verweist auf einen Artikel im Upload-Magazin, den ich besser nicht gelesen hätte.
Manches will man einfach nicht wissen. Man verliert seine Unschuld, möchte Lesezeichen löschen und empfindet das, was man da tut, als ausgesprochen lächerlich.
Zum Inhalt: Es wird der Süddeutschen vorgeworfen, über eine Firma Blogartikel gekauft zu haben oder kaufen zu wollen. Diese Artikel sollten ein Iphone-App loben, das von der Süddeutschen stammt. Der Inhalt war in groben Zügen vorgegeben.
Hey, ernsthaft, haben die Jungs keine Ehre? Da wird einfach mal (als Blogartikel getarnt) ein Werbezettelkasten hochgeladen, der klumpig wie Reispampe klingt und all jene hinters Licht führen soll, die Blogs noch als unabhängige Graswurzelmedien sehen. Sorry, wenn ich da etwas hart und kantig werde: Es sind die Fans eines Blogs, die angefixten Leser, die große Stücke auf das Geschreibsel halten, die hier als Material für einen Werbevertrag dienen. Mir ist das egal, ob es sich dabei um die Süddeutsche oder eine andere Zeitung handelt. Mir ist egal ob es um Iphone-Apps oder Stabmixer geht. Das ist mir sowas von wurscht. Die Tatsache, das es da draußen Jungs und Mädels gibt, die meinen, sie müssen die Leute, die große Stücke auf sie halten, für ein paar Cocktails mehr, hereinlegen, die haben ihr Talent (sofern vorhanden) einfach nicht verdient.
Von dem Zynismus der Auftraggeber möchte ich nicht reden. Die machen das, was möglich ist. Und das es möglich ist, das haben die zu verantworten, die irgendwann mal voll Enthusiasmus eine kleine unabhängige Webseite gestartet haben, und nun meinen, irgendwo, wo einem alles egal sein kann, angekommen zu sein.
Ich rechne nicht mit Folgen, nicht mit Aufklärung und nicht mit Selbstkritik, eher damit, das hier und da ein Blogger nun vor seinem Monitor sitzt, sich einen Narren scheltet und den Kontakt zum nächsten Werbebüro sucht.
Und ich, ich sollte nächstes mal keine Artikel mehr über die Blogosphäre lesen. Dieser Stoff kann einem echt den Tag versauen.
Spiegel und SPON versuchen gerade mit der klebrigen Penetranz alter Herren einen Begriff für eine Generation zu prägen, die sie so gar nicht mehr verstehen und von der sie so fern sind wie der Mond vom Nordpol. Die abgehobene Position, die man haben muss, um junge Leute als “Krisenkinder” zu bezeichnen, sie damit in eine Schublade zu stopfen und irgendwie fassbar zu machen, hat schon was erschreckend Kaltblütiges und sollte zu einem Kaufboykott ihrer Produkte führen. Ist ja unglaublich. Krise hin oder her, aber diesen reduzierenden Ausdruck für Zwanzigjährige zeigt schon wie wenig es ein 50jähriger Redakteur heute schafft, sich die Vielschichtigkeit oder ein mögliches Potential von Menschen, die sich in sehr, sehr differenten Lebenssituationen befinden, positiv zu erklären.
Ich hatte schon vor Jahren gehofft es würde sich nur um eine Modewelle handeln. Das geht vorbei. Kennt man schon. Hatte ich doch alles schon mal erlebt, wandle doch schon einige Jahre auf diesem Planeten. Aber es geht nicht vorbei, will nicht vorbei gehen und schon bei der Ankündigung dieser Ü-30 Partys fühle ich mich nur alt.
Ü-30 Partys sind die aktuellen Vorgänger des ehedem sehr geschmähten Tanztees, der heute After-Work-Party oder so ähnlich heißt. Von außen betrachtet sind Ü-30 Partys eine faszinierende Ghettorisierung eines konservierten Musikgeschmacks. Und die anvisierte Zielgruppe hat es geschafft mit seiner heutigen Kapitalstärke irgendwie interessant für die Veranstalter diverser Teenager-Feten zu sein. Also werden die Kids, die sowieso nur ein Lehrlingsgehalt und ein Alkohlproblem mitbringen, ausgesperrt um den Platz freizumachen für 70er und 80er Jahre Mucke, zu der sich die Leute, die seit Jahren keine angesagte CD mehr kaufen, zum zweiten, dritten und vierten Mal in ihrem Leben auf Partnersuche machen.
Früher waren sogenannte Package-Tours, die aus ehemaligen Stars und deren Reste zusammengesetzt waren, sehr beliebt. Da traten Smokie nochmals auf, nannten sich die Reste von Sweet nun Andy Scott´s Sweet und auch von Boney M. und Baccara gab es erstaunlicherweise Reinkarnationen, die über die Dörfer und kleinere Hallen tingelten. Wer es wollte, konnte nun seinem ehemaligen Idol ein bißchen näher kommen.
Das ist nicht mehr ganz so populär, auch wenn unweit demnächst ein Festival für die einzige authentische Woodstock-Generation stattfindet. Mit Mothers Finest oder einer Gruppe um irgendeinem Mitglied von den wahren und einzigen Mother´s Finest. Und Gary Moore und noch paar Namen mehr, die ich nach dem Betrachten des Plakates schnell wieder vergass. Überhaupt: Plakatierung – sowas wird vorzugsweise in den Schlafdörfern, der Einfamilienhaus-Surburbia größer Städte plakatiert, wo sie die finanzstarke Gemeinschaft der kleineren und gesicherteren Familien befindet.
Von diesen Veranstaltungen der Nostalgie und ewigen Jugend hin zur Ü-30-Party war es ein kleiner, aber entschlossener Weg. Erschreckend ist schon die Tragweite dieser Formulierung: Während auf den Flyern der Teenager und MP3-Generation geradezu fett die DJs und deren Musik im Mittelpunkt stehen, sieht man auf den fast schmucklosen Plakaten, die sich an die zukünftigen Rentner richten in erster Linie eine Altersangabe, als gäbe es irgendein Vorteil, wenn man niemanden begegnet, der unter 30 ist. Launigerweise interpretiert mein Bekannten- und Alterskreis, der sich stetig auf die Jahrhundertmitte zubewegt, die Formulierung “über 30″ recht frei. Die Musik muß vertraut sein und die Zielrichtung des Balzverhaltens eindeutig.
Und alles so, als hätte Gangsterrap nie existiert, wäre Acid Jazz ein Cocktail und “Alternative” (englisch ausgesprochen!) so ein Wort auf Wikipedia. Was schon im Ansatz an ein Klassentreffen erinnert, ist aber wahrscheinlich doch ein bißchen mehr als das: Die Sehnsucht nach dem ersten Rausch, dem ersten Kuss, der heimeligen Vertrautheit, wenn man jeden Beat kennt, vor Überraschungen gefeit ist und der Tatsache, das keiner mehr fragt, wo man gestern abend gewesen ist und dem schönen Gefühl, sich nicht mit den 20 Jahre alten Schritten lächerlich zu machen, während sich die täglichen SWR1-Hits wacker aus den Boxen kämpfen.
Und der Rest ist bekannt: Genauso wie man bei Grillabenden den Untergang der abendländischen Musik beschwört, weil man sich ihr schlicht verweigert, so steht man auch dort und da wieder zusammen, um die unpolitische Haltung der Jugend zu beschwören, die nur noch säuft und Frisuren trägt, die sie sowieso nicht verstehen. Irgendwie ist ja heute alles japanisch, wer soll da noch durchblicken, wenn man die Comics rückwärts liest und Jungs wie Mädchen aussehen wollen und ihre Hosen in Abteilungen kaufen, die überhaupt keine männlichen Körpermaße vorrätig haben. Schlimm das. Und nochmal: Saufen tun sie alle. Ständig.
Zu diesem Konzeptechaos, das aus Erwachsenen wieder Jugendhaus-Besuchern macht, hat die Event-Kultur der Facebook-Gemeinschaft noch etwas dazugemischt, von dem ich fast dachte, das es nie bei Menschen ankommt, die sich einst erfolgreich gegen die Volksbefragung gewehrt haben. Mit einem Schmunzeln stellt man fest, das auch die Party- und Clubfotografie hier Einzug gehalten und alles was sich so im Rahmen Nostalgiesucht abspielt wird nun gnadenlos fotografiert und all die Schönen und jene, die nicht schnell genug flüchten konnten, finden sich morgen auf den Webseiten der Veranstaltern, mit einem Logo darunter und in der Masse erdrückend.
Zugegeben, das ist spaßig und hat den Charme von Partyfotos, zu denen man befreit sagen kann, das man da – hapüh – nicht dabei war
Was schreibt man über einen Dienst, auf den plötzlich alle Leute unglaublich abfahren, dessen Faszination aber bei mir gar nicht ankommt? Ich wollte erst ein wenig kritisch, satirisch, feixend und wohl auch böse darüber schreiben. Aber: Be nice and polite. Ich mag keine Blogs, die mir tagtäglich präsentieren wie gemein, doof und unverständlich meine Mitmenschen, die Welt und die Gesamtsituation ist. Ich mag Blogs, in denen mir erklärt wie man aus einem Schrankregal eine Spülmaschine bastelt, wo sich die größte Hasselblad-Kamera befindet, wie das verschwundene Album von den Rattles heißt und warum es möglicherweise auf dem Mars Kakerlaken gibt.
Ich wollte über Twitter schreiben. Aber immer, wenn ich mir Gedanken darüber machte, und meinem Erstaunen darüber Ausdruck verleihen wollte, wie seltsam populär dieser Dienst ist, kam ich mir wie ein Web-Dinosaurier vor. Es ist eine neue Art der Textverbreitung. Es ist Beschränkung. Vielleicht bin ich zu konservativ. Vielleicht ist es ja die Wiedergeburt der Haikus, die Renaissance der Poesie oder die Rückbesinnung auf das Essentielle, auf die Pointe, auf die Schlagfertigkeit. Kann ja eine nette Übung sein.
Aber eines ist klar: Für mich ist das nichts. Ich bin nicht mal halb so originell und schlagfertig, wie ich es von jemanden erwarten würde, der mir interessant erscheinen könnte. Außerdem geniesse ich meine Offline-Zeit, muß mich 8-10 Stunden wenigstens versuchsweise konzentrieren und eine Menge seltsamer Probleme lösen, die ich Tags zuvor noch nicht hatte. Wie sollte ich da twittern? Wie froh sollte ich darüber sein, wenn ein Politiker oder einer seiner Gehilfen twittert? Ich vermute, es wäre ein KO-Kriterium in Hinsicht auf die Fähigkeiten der betreffenden Person, sich mit den wichtigen Dingen zu beschäftigen, die so allgemein anliegen.
Kurz: Mich schreckt dieses Format eher ab, und bekomme so gar keinen Zugang. Aber ich lasse es mir immer wieder gerne erklären
Anbei ein Filmchen, das dieses Thema eher vom sozialen Aspekt angeht. Aber darüber möchte ich dann das nächstemal predigen. Amen.
Schwer zu sagen, wann das angefangen hat, aber an einem bestimmten Punkt in meinem Leben interessierte ich mich wieder für Krimis. Lange Jahre zuvor teilte ich die Ansicht zweier Mitbürger, die mal neben mir vor dem Regal einer Buchhandlung standen und folgendes von sich gaben.
“Krimis! Ich verstehe das nicht. Wer liest den Kram? Ständig und überall Krimis. Schaltest du den Fernseher ein, dann laufen mindestens 10 pro Tag, schlägst du die Zeitung auf, dann findet sich dort ein Shortkrimi. Überall Krimis, das ist doch total langweilig.”
Der andere nickte.
Ich las gerne Science Fiction, bis die sogenannte Cyberpunk-Ära begann und ich nichts mehr kapierte. Dann las ich nur noch Updike . Und alle, die zwischen ihm und John Irving irgendwie Platz fanden. Überhaupt: Ich las selten bis gar keine deutschen Autoren. Und auch heute fällt es mir noch schwer, jemanden ernst zu nehmen, der während seiner Schulzeit nicht wöchentlich ein Referat hielt oder zig “Creative Writing”-Kurse durchlaufen hat, in denen man auf die Bedürfnisse des Lesers gedrillt wird, bis Dramaturgie einfach der wichtigste Begriff des Aufbaus ist.
Wie wählt man Krimis aus? Der Buchmarkt ist tatsächlich überflutet mit ihnen. Also schafft man Genres, Untergenres, Label, Vergleich, Aufkleber und andere seltsamen Hilfen. Es gibt Krimis zu jedem Thema. Es gibt braune, gelbe, rote Komissare, taube und blinde Detektive, übersinnliche, lesbische und schwule Ermittler und selbst Katzen gehen auf Verbrecherjagd. Nur – wie geht man nun als Leser vor?
Ich vermeide Bestseller. Nicht wirklich bewusst. Auch nicht, weil ich Individualität zeigen will, denn hin und wieder liegt es einfach am Geldmangel. Oder weil mir jemand, den ich dann doch nicht so mag, dieses Buch empfohlen hat, oder weil ich das Cover zu oft sah, den Inhalt schon nach der dritten Besprechung kenne, zu viele Interviews des Autors las oder weswegen auch immer.
James Lee Burke gibt nie Interviews. Würde ich mal sagen. Ich habe noch keines von ihm gelesen. Wahrscheinlich wurden seine Sachen noch nicht wirklich gut verfilmt. Oh, es gibt eine Verfilmung. Aber man möge Wikipedia bemühen. Ich will keine Werbung machen. Njet.
Zu James Lee Burke kam ich, als ich hilfesuchend Krimis nach dem Ort des Geschehens auswählte.
Spielt das Ding in Lousiana, dann war es gekauft.
Der größte Teil der James Lee Burke Krimis spielt feucht und fett in der warmen Luft jenes Staates. Und irgendwie wird überhaupt nicht ermittelt, sondern es geschieht was geschehen muß. Dazwischen unterhalten sich die Bösen beim Krebsessen mit dem Guten, der dann doch nicht wirklich gut ist, sondern nur die Lösung kennt, und so gewinnt es schließlich an Fahrt. Seine Krimis sind drückend schwül, die Menschen schwitzen, angeln in den Bayous, lassen das Boot durch die Mangrovensümpfe treiben und kämpfen immer mit den Teufeln, dem Leben, dem Bösen und dem Alkohol. James Lee Burke schreibt den Blues, den R.L.Burnside spielt.
Aber Letzteren kennen auch zu wenig Menschen. Und das muß sich ändern.
Wer eine Weile James Lee Burke liest, der wird besoffen von den Düften und ist fasziniert von dem Dschungel an Gerüchen, Greifbarem und der Tiefe seiner kleinen, folgerichtigen Erzählungen, die mit der Moral eines Bruce Willis konform gehen. Nicht, das ich mit Bruce Willis konform gehe. Nicht, das ich seine Moral vertrete. Sie ist lediglich einfach, und funktioniert auf einer sehr unterhaltenden Ebene. Der Held leidet, der Held will nicht, der Held muß aber ein Held sein. Das ist eben so, das dient einem guten Zweck und das versteht jeder.
Ich kaufe also meine Krimis nach Lokalitäten. Selten nach Orten in denen ich lebe, eher nach Orten, zu denen ich will. Die sich sowieso in meiner Erinnerung verklären, die ich anfüttere mit Träumen und Sehnsüchte und die ich zur zweiten Heimat erkläre. Also Lousiana. Bayoucountry. New Orleans.
Oder Boston. Wo Dennis Lehaine eine klare, manchmal gefährliche Sprache spricht, und eine Gegenwelt beschreibt, die dämonisch unter dem Glanz dieser Stadt leben möchte. Oder kann. Ich weiß es nicht. So tief drang ich noch nie in die Seele dieser Stadt. Aber das ist egal, denn ähnlich wie bei James Lee Burke dringen die Nebengeräusche, die Farbigkeiten, die Essenzen dieser Stadt aus jeder Seite und man schöpft aus Erinnerungen und verrückten kleinen Deja Vus. Selbst wenn man konkret noch nie so nah an den beschriebenen Orten war, wie man jetzt nun sein möchte.
Als Bernhard Schlink in seinen “Selbs”-Bänden Krimis in Mannheim ansiedelte, da war er dort, wo Lena Odenthal niemals ankommt. Ich war jahrelang auf dem Trip, das ich behauptete, Ereignisse aus den Selbs-Romanen tatsächlich in Mannheim erlebt zu haben. Und ich würde heute noch schwören, das es so war, und das alles, was Bernhard Schlink da schrieb, die Wahrheit und nichts als die Wahrheit ist. Seine Erfolge hingegen habe ich nie gelesen. Nicht mal die Verfilmung des “Vorlesers” gesehen. Ich lese, wie gesagt, keine Bestseller. Und das nicht mal mit Absicht. Sorry.
Eine Freundin von mir liest konsequent Krimis aus Norwegen. Habe ich versucht. Bin ich dran verzweifelt, und lies es dann sein. Ich habe diesen Versuch noch nicht vergessen. Aber ich arbeite hart daran. Ich will das wieder vergessen. Doch zurück: Der Vorgang, die Veranlassung und alles weitere dürften so ähnlich wie bei mir sein. Man orientiert sich an Bekanntem, sucht den gemeinsamen Nenner und kauft dann ein Buch.
Ich stamme aus Karlsruhe. Dort findet sich in den Regalen ein Buch mit dem Titel “Mordsverkehr”, das in Stadtblättchen und Veranstaltungskalender jahrelang gelobt wurde. Karlsruher Autor schreibt einen Krimi, der in Karlsruhe fußt und vollkommen nachvollziehbar ist.
Ich lebe nun in Heidelberg. Quasi. Und wenn man in den hiesigen Bahnhof geht, dort die Bücherstände ansieht, dann kann man wochenlang auf einen Aufbau mit sogenannten Heidelberg Krimis schauen. Da gibt es dann einen Autor, der schon wegen den professionellen Covern hervor sticht. Piper ist schließlich nicht irgendein Verlag. Und so kaufte ich mir in einer schwachen Stunde Wolfgang Burgers “Heidelberger Requiem”. Das Bändchen hat nun schon ein paar Jahre auf dem Buckel und ist so etwas wie der Beginn der Heidelberg Reihe mit dem Chef der Heidelberger Kriminalpolizei, Alexander Gerlach. Das klingt zwar nicht sonderlich aufregend, aber was soll`s: Ich bin immer noch dabei die hiesige Gegend kennen zu lernen, und so kann es nichts schaden, das zusammen mit Herrn Gerlach zu machen, der – oh Wunder – ebenfalls aus Karlsruhe kommend, hier gestrandet ist.
Die Wahrheit ist, um es kurz zu machen, Wolfgang Burger ist ein Karlsruher, und jenes berühmt-berüchtige “Mordsverkehr” stammt von ihm. So hat er mich also eingeholt. Mußte ich ihm zugestehen, aber ansonsten – unterm Strich – fühlte ich mich beim Lesen mehr und mehr zu einem Autorenbashing hingerissen. Wolfgang Burger möge es mir verzeihen, er macht seinen Job handwerklich ganz ansprechend, aber auch wenn ihn bei der Benennung seiner agierenden Personen der Schalk reitet bleibt es dennoch erstaunlich blutarm und lokal unberührt. Vangelis heißt seine Assistentin, Georg Simon ein Tatverdächtiger und hier und da wird ein bisschen Kolorit aus provinzieller Namensgebung eingestreut, doch im Ganzen gewinnt Heidelberg kein Gesicht, ist nicht stickig, wenn die Hitze durchs Tal kriecht, hat keinen Morgennebel, wenn die Kühle sich verzieht und es wehen auch keine abendlichen Winde durch den Neckar. Die Bären im Zoo verbreiten keinen Gestank, und die zweitausend Papageien, die schwarmweise über dem Neuenheimer Feld toben, verwirren nicht mit ihrem Geschrei.
Auf den Neckarwiesen findet sich kein Müll und der Geruch aus wildem Grillen und fehlenden Toiletten schlägt sich nicht zur Brücke hoch, noch klingt etwas von dem verwirrenden Sprachgemisch in den Straßenbahnen aus den Seiten oder wird der Blick auf das soziale Gefälle mehr genutzt als nur als bloße Kulisse.
Bei James Lee Burke greift man in den Schlamm, lässt ihn durch die Finger rinnen, sieht die Ölspuren darin, joggt über nasse Pfützen und wird von jenem Wasser getroffen, das trippelnd durch die Blätter rinnt.
Das Gute daran ist – irgendwann werde ich nachts aufstehen, eine Kanne Kaffee aufstellen, genug Urlaub haben und zweihundert Seiten in diesen Monitor hacken, um der Welt den Duft modriger Kellergänge, Graffiti auf den Hauswänden und viel zu schöne Studentinnen in allen Farben zu präsentieren. Ich werde sie Beachpartys am Pier 4 feiern lassen, bis sie polternd die Toiletten der Kopfklinik aufsuchen und die sympathische Hölle eines wilden Heidelberger Herbstes nicht vergessen, wenn dir tausend Menschen so nahe kommen, so das du die Füße anziehen kannst und trotzdem noch in der Menge stehst.
Vielleicht rockt er dann auch hier, der Krimi aus der Nachbarschaft. Moving on up.