Fortsetzung von :Archaic: Barbados 1999 (pt.1)
Bei all dem Reggae-Tourismus und dem Gefühl auf einem göttlichen Kleinod gelandet zu sein, kann es natürlich nicht schaden, auch mal die architektonischen Kontraste der Insel genauer zu betrachten. Ganz logisch gibt es auf Barbados ähnliche Hotelbauten, Bettenburgen und Clubs wie überall auf der Welt, allerdings nicht ganz in dem überdimensionierten Ausmaß, wie man es z.b. von Mittelmeerbadeorten gewohnt ist.
Ich lasse das Thema mal frechweg aus, denn man kann diesen Hotels entgehen. Und wenn man es wirklich will, dann begegnet man ihnen eher selten. Die Insel bietet genug Raum und Platz um auch unverbaute Strände zu finden. Menschenleer ist keine leere Versprechung aus einem Reisekatalog. Das gibt es wirklich.
Das soll allerdings nicht den Blick darauf versperren, dass das Leben in dieser üppigen Fauna für jene Menschen, die nicht die Nachkommen der ehemaligen Farmer sind, alles andere als einfach ist. Ein großer Teil der Bevölkerung lebt in Behausungen, die hierzulande gerade mal als Gartenhütten akzeptabel wären.

Auch wenn es aussieht, als stamme diese Wohngelegenheit irgendwo aus dem Randgebiet eines vergangenen Jahrhunderts, handelt es sich nicht um ein rückständiges Land, an dem technologische Errungenschaften irgendwie vorbeigegangen sind. Barbados hat – auch bedingt durch den internationalen Flugverkehr (und hier vor allem durch die Concorde) – einen recht guten Anschluss an die Errungenschaften der modernen Welt gefunden und befindet sich dabei in einem Spagat zwischen einer Gesellschaft, die sich alles leisten kann und einer, die von diesen Dingen nur träumt.
In jenen Wochen, in denen wir dort waren, besuchten wir verschiedene Internetcafes, von denen eines in einer wirklich eisig klimatisierten Einkaufspassage geführt, und rund um die Uhr mit den neusten MP3-Hits beschallt wurde. Die Ausstattung entsprach all dem, was ich von daheim gewohnt war, und innerhalb der Kälte vergass man total, an welchem Ende der Welt man sich hier befand, denn nichts erinnerte an das, was sich draußen vor der Stadt oder auf den Straßen abspielte. Kein Geschrei der anpreisenden Taxifahrer drang herauf, kein Gewirr der Händler, die einem überteuerte Trauben anboten und auch die Reggaecassetten der streunenden Rastas waren nicht zu vernehmen. Rock, Pop, die aktuellen Top-Twenty, der weltweiten Charts und ein Publikum, das sich gewohnheitsmäßig durch die Seiten klickte. Das war im Jahre 1999 zwar in Amerika und Europa üblich, aber selbst viele Jahre später habe ich auch in den Staaten wesentlich rückständigere Cafes gefunden, und auch in Deutschland habe ich heute noch die Gelegenheit in Läden zu gelangen, die eher Bedauern hervorrufen.
Die kleine Tochter unserer Gastgeber hatte einige Jahre zuvor Deutschland besucht und – ich erwähnte es schon – nur darüber gestaunt, das die Tankstellen in einem ähnlichen Design und einer ähnlichen Größe wie in Barbados an unseren Straßenrändern standen.
Tankstellen haben auf Barbados eine Art 24-Stunden Grundversorgung übernommen. Das ist zwar nicht ungewöhnlich und wir sind das mittlerweile hier gewohnt rund um die Uhr mal schnell zur Tanke zu gehen. Es macht aber einen ganz anderen Eindruck, wenn man diese neonbeleuchteten Riesendinger in direkter Nachbarschaft zu den traditionellen Kneipen und Kiosken sieht.

Die meisten kleinen Geschäfte an den Haupt- und Nebenstrassen tragen an der kompletten Fassade das Design eines Getränkelieferanten. Wegen der Hitze sind bei diesen Gebäude jedoch tagsüber die Fassaden so geschlossen, das sie oft wirken, als wären sie nicht geöffnet. Drinnen trifft man einen Tresen an, der durch Gitter geschützt ist, hinter denen dann der Ladenbesitzer verharrt. Das wirkt irritierend, aber scheint vor allem mit Alkohlausschank durchaus normal zu sein.

Dieser farbenfrohe Charakter verstärkt natürlich den, sagen wir mal, pittoresken Eindruck der ganzen Szenerie, aber im Prinzip steckt dahinter lediglich die ständige Notwendigkeit jedes Jahr das Holzhaus neu zu streichen. Kennt man ja aus vielen Orten, die sich an Küstennähe befinden. Meerluft und Holzhäuser vertragen sich nur bedingt. Sonne, Salz und Regen tun ihr Werk.

Die alten Steinhäuser stammen meist aus der Kolonnialzeit und fristen das Dasein schwer zu pflegender Altbauten. Im unteren Bild sieht man unsere Unterkunft, die direkt an der Hauptstrasse lag, und uns ein Gefühl gab, das den Anfangssequenzen von “Apocalypse now!” entsprach. Nachts lag man flach ausgestreckt auf dem Bett, schwitzte vor sich hin, hoffte auf einen Sturm, der vom Meer herkommen sollte oder sonst irgendeiner Abkühlung, die natürlich nicht kam.
Kam Regen, dann war es ein Wasserfall, dicht, laut, in Strömen, die alles wegspülten und jeden, der es wagte, dann auf die Straße zu gehen, fast erschlug. Solche unglaublichen Mengen Wasser, die innerhalb von Sekunden auf einen einprasselten, erlebte ich bisher nur in Louisiana, wo wir den Wagen an den Straßenrand fahren mußten, weil der Regen uns jede Sicht über einen Meter unmöglich machte.
Wir wissen in Deutschland eigentlich gar nicht, was Regen wirklich ist

Übrig geblieben aus der Kolonialzeit sind auch die Plantagen und Villen, die sich – teilweise als Museum, teilweise in Neubesitz – immer noch, häufig gut erhalten, überall finden. Barbados ist sehr attraktiv für vermögende Weltenbürger. Immerhin, wie gesagt, verfügt es über einen internationalen, gut ausgebauten Flughafen. Man warb mal eine Zeitlang damit, wie unproblematisch es theoretisch wäre, in Frankreich zu arbeiten, das Wochenende auf Barbados zu verbringen und ein kosmopolitisches Leben zu führen. Ist wahrscheinlich heute, wegen der Klimaerwärmung etc. eher politisch unkorrekt damit zu werben, obwohl ich mir sicher bin: Es gibt bestimmt einige Leutchen, die das machen. Es finden sich nicht wenige Anwesen, die sich mit prominenten Namen schmücken dürfen. Ich habe gestaunt, aber werfe sowieso alles durcheinander,und werde es daher nicht wagen, auch nur einen Namen zu nennen. Nee, nee.

Und zuletzt, damit niemand glaubt, er käme dort an der Welt, wie er sie kennt, vorbei: Auch das ist Barbados. Auch das findet sich dort, und die Welt ist also vollkommen in Ordnung.

(Photo by Suse)