Was nun folgte, ist die nähere Ortbestimmung der konstruktiven Kritik bzw. ihr Mapping. Die zentrale Frage, um die es irgendwann wahrscheinlich gehen wird ist: Ist der kreative Output einer Zufallsbekanntschaft per Kritik überhaupt zu erfassen? Kritisierbar? Und, folgerichtig, kommt diese Kritik überhaupt dort an, wo sie ankommen soll, oder ist sie die reine Selbstbefriedigung des Wissenden?
Andreas Hurni vergleicht Fotoportale sehr gerne mit Dorfplätze.
“Wenn man Communities versteht als Dorfplatz, wie ich dies zu Beginn der Diskussion zu diesem Thema tat, bevölkert mit unterschiedlichsten Talenten, wenn man beobachtet, wertet, aussortiert, ausprobiert, zuhört, mitdiskutiert, über den Tellerrand schaut, dann ist da durchaus einiges zu holen, allerdings ist es eher ein diy-Angebot, welches man sich selbst zusammenstellen muss. Die Community in diesem Sinne ist nur ein für vieles offenes Umfeld, das man sich selbst förderlich einrichtet. Entsprechend findet man dann auch eine fast beliebige Anzahl kleiner Seilschaften, welche unterschiedliche Herangehensweisen pflegen.“
Ich verbinde Dorfplätze erstmal nicht mit so einem positiven Bild, sondern betrachte sie skeptisch und als ein Ort, an dem Marktschreier ihre Ware anpreisen, Gaukler ihr Spiel spielen und ernsthafte Charaktere einkaufen oder weiterziehen, aber in der Regel gehört der Dorfplatz den Einsamen, den Gewerbetreibenden und den lautesten Bewohnern eines Dorfes.
Ich sehe Dorfplätze nicht als Orte der tiefschürfenden Diskussionen. Ich sehe ein, dass sie Diskussionsgrundlagen schaffen. Da mag der Verkünder der Nachrichten stehen, dort mag der politische Kandidat seine Pamphlete verteilen und dort findet vielleicht eine Demo statt. Wo jedoch soviele Richtungen und Charaktere zusammentreffen, dort wird man eher wütende Worte, besoffene Tiraden und quäkende Kinder hören, die alle die Wahrheit sagen, aber nichts Nachhaltiges zurücklassen können. Wer tiefer gehen will, wer die Hintergründe erforschen möchte, wer im Detail etwas beleuchten will, wer ein Interview führen möchte und ein strenges Gespräch über Kunst und Künstlichkeit führen möchte, der wird den Dorfplatz verlassen müssen, um die eigenen vier Wände, einen Park oder eine gastlichere Stätte auf zu suchen.
Andreas Hurni nennt die Technik als Grundlage der erlernbaren Gemeinsamkeit, die in einer Fotocommunity eventuell das förderliche und klebrige Element sein könnte (oder vielleicht auch sollte). Hier mag man ihm spontan recht geben, schließlich sind die Eckpunkte der Fotografie ja scheinbar gleich und entsprechend einzugrenzen. Licht fällt durch Loch auf eine Oberfläche und bildet dort etwas ab. Im besten Fall bleibend und für immer. Fällt das Licht nicht durch, dann bleibt das – was auch immer (Chip oder Film) eben weiß. Hätte man mal den Objektivdeckel abgenommen. Hätte man später was gesehen. Du sollst also den Objektivdeckel abnehmen, um ein Bild zu machen.
Unabhängig von allen Arten der Fotografie (Lochkamera, digitale Kamera, Nikon, Canon, Leica, Hasselblad usw.) haben wir hier vielleicht die einzige konstruktive Kritik, die durchgehend gelten mag, wenn ein weißes Blatt Papier aus der Entwicklung oder dem Drucker kommt.
Oder um es von der anderen Richtung anzugehen: Technik kann auch heißen, das mich jemand bei einem farbverfälschten, analogen Film darauf aufmerksam macht, das Photoshopspielereien nicht immer hilfreich sind (gelinde gesagt). Jaja.
Womit wir sofort in der Kreativität landen, die für den einen besagt, das schon die Infrarotfotografie ein kreatives Element ist (und dadurch unstreitig wahrscheinlich gar nicht diskutier- oder kritisierbar), während der andere den vollkommenen Verzicht auf jegliches Objektiv als kreativen Ausdruck empfindet und das Baden seines Filmes in einer Brühe, die an Jägersosse erinnert, ihn sicherlich über jeden Verdacht erhaben macht. Soll heißen: Faktisch gibt es eine gemeinsame Technik, die sicherlich auch erlernbar ist, aber in einer Zeit, in der der Fehler von gestern der Reiz von heute ist (Über- und Doppelbelichtung, Cross-Processing, abgelaufene Filme, unscharfe, aquarellähnliche Fotografie etc.), ist es quasi unmöglich in dieser Technikdiskussion Zuflucht zu finden.
Denn im Zweifelsfall ist “alles Absicht!”. (Eine Floskel, auf die ich mich übrigens immer und in jedem Fall berufe, und, verflixt, ich meine das wirklich ernst!).
Würden Communities anders funktionieren, dann würden wir vielleicht nicht bei dieser Abwehrhaltung landen. Ich bin der Meinung, das diese Dorfplätze kaum ein gemeinsames Element besitzen, und das dieses Multikulti nicht wirklich funktioniert, aber das Seilschaften auch nicht die Lösung sind, sondern lediglich eine Abgrenzung.
Andreas ist sehr verankert in der deutschen Fotocommunity, die ich gerne im folgenden mit weniger Zorn und mehr Respekt, aber durchaus mit Ablehnung behandeln möchte. Ich habe in einem Kommentar unter seinem Artikel gemeint, das ich Communities noch 1 fettes, 2 gute und dann ein mageres Jahr gebe, weil die Mitglieder solcher Gemeinschaften auf Dauer zu sehr gestresst werden.
Ich möchte das ausführen: Da die Technik ein sehr begrenzter Teil der Gemeinsamkeit ist, und die Kreativität durchaus in der Fehlerbehaftung einer Aufnahme ihre Schönheit erkennen kann, wird innerhalb eines Dorfplatzes, der generell für die Leute ausgelegt ist, die am lautesten agieren, die kraftvolle Auseinandersetzung, der Clash und die hochgeschaukelte Emotionen der wichtigste Klebstoff sein. Die Mitglieder einer Fotocommunity setzen sich aus sehr unterschiedlichen Personen zusammen: Den reinen Technikern, den reinen Kreativen, die die einsam sind, jenen, die gerne Zoff machen und welche, die abends oder tagsüber aus Langeweile gerne etwas erleben wollen. Man darf sich nichts vormachen: Die reinen Techniker und die reinen Kreativen suchen nicht die Masse, sondern die Gleichgesinnten. Die Seilschaft, wie es Andreas Hurni ausdrückt, aber obwohl sie tatsächlich immer die Wärme der Dorfkneipe suchen, landen sie irgendwie (sie können machen was sie wollen) am Schluß wieder auf dem Dorfplatz. Oder der Dorfplatz landet in der Kneipe und will mal an ihrem Stammtisch mitmischen.
Möglichst große Gemeinschaften scheitern erstmal nicht, sondern ziehen quasi als Selbstläufer immer mehr Mitglieder durch ihre Größe an (so geht es facebook, so geht es myspace, so geht es flickr, so geht es deviantart..), aber es ist fragwürdig, ob all diese Mitglieder tatsächlich dort ihre Heimat finden oder einfach nur mit Dingen konfrontiert werden, die sie eigentlich vermeiden wollten. Wenn alle Leute in der Fotocommunity sind, wo ist dann der Reiz einer solchen Gemeinschaft, wenn man dort doch wieder nur dieselben Nasen wie auf Wer-kennt-wen antrifft? Einfach aus dem Grund, weil alle Menschen eine Kamera haben? Ist in einem solchen Rahmen das Fachgespräch, das man vielleicht über Megapixel und Objektive anzetteln wollte, effizient, oder sollte man Gemeinschaften nicht eher wie Dönerstuben nutzen: Haste Hunger auf Fast Food, dann gehste da rein, aber wer dort jeden Tag drin ist, der macht sich sowieso verdächtig. Hat der kein Zuhause? Keine Küche?
Ist ein Platz, auf dem die Leute gerade mal als Gemeinsamkeit anerkennen, das sie gerne “Bildermachen”, tatsächlich der richtige Platz für Ambitionen, Kritik, Diskussionen und der Fähigkeit einen Tellerrand zu überschreiten?
Ich schätze z.b. Deviantart sehr. Ich bin dort kaum aktiv, hinterlege dort kaum Bilder, beteilige mich selten bei Aktion, Diskussionen und pflege dort auch wenig Freundschaften. Was ich an deviantart mag, das ist die Tatsache, das mir dort ganz klar die Grenzen gezeigt werden, in denen meine kreativen Fähigkeiten liegen. Ich würde es – schon aufgrund meiner geradezu bescheidenen Zeichnungen – niemals wagen etwas ernsthafter in dem Bereich der Zeichnungen, Animationen oder Spraykunst mitzumischen. Ich werde da zum reinen Bewunderer, der einfach nur noch “toll” stammeln kann. Und das oftmals zwischen einer Horde Teenager, die tausendmal talentierter ist, als ich. Die Trennung von der eigenen Betätigung ist so klar, und so erfrischend, das ich in einem Bereich Zaungast sein darf, in dem ich nicht aktiv und einfach nur dankbar bin, dass mich freut wenn ich ein Teil der Freude, die ich beim Betrachten mancher Zeichnung empfinde, einfach zurückgeben kann.
Deviantart hat den Vorteil, das zwei Dinge nicht im gedachten oder echten Header stehen, die sich z.b. die deutsche Fotocommunity auf die Fahnen geschrieben hat. Es steht da nicht, das es nur um Fotos geht (also empfinden die Leute auch keine technische Gemeinsamkeit, die sie zu einer konstruktiven Kritik veranlassen könnte) und es steht dort nicht: Diskutiere über deine Bilder!
Sakra, ich will überhaupt nicht über meine Bilder diskutieren. Wer das will, der darf gerne darüber sprechen, sie meinetwegen auch zereissen, schimpfen, darauf herumtrampeln, aber ich…warum sollte ich über meine Bilder diskutieren wollen? Ich will sie machen. Ende.
Ich wollte in Fotocommunities immer nur Bilder zeigen, welche sehen und geniessen. Applaudieren und weiterziehen. Ich empfinde manche Bilder durchaus als widerlich, schlecht und unnötig, aber jeder Ansatz zum Diskutieren zwingt mich dazu mich noch mehr mit diesem Bild (das ich nicht mag) auseinander zu setzen, nur um dann am Schluß zu hören, das man es mißverstanden hat, gar nicht die Zielgruppe war und sowieso alles Absicht war.
Also, so what?
Communities, die so stark auf Diskussion und Konfrontation bauen, müssen sich damit abfinden, das nur die Stärksten ihrer Diskutanten und jene, die am liebsten diskutieren, aber sich nicht um die Thematik scheren, ihre treuesten Mitglieder bleiben werden. Communities, die so stark auf auf eine Erhöhung ihre Mitgliederzahlen bauen, müssen ihren Mitgliedern starke Filterwerkzeuge in die Hand geben, damit sie schnell und einfach in der Lage sind, das aus ihnen zu ziehen, was ihnen gefällt, ansonsten werden ihre Mitglieder sukzessiv überfordert, und das Pensum neben dem Alltag nicht mehr bewältigen. Sie werden vom Content gestresst sein.
Ob sie in dieser Situation überhaupt noch in der Lage sind, sorgfältig und rücksichtsvoll eine Kritik anzubringen, die gleichzeitig die Güte und Qualität einer Aufnahme erfasst , um den Fotografen auf ein höheres Level zu schicken, darf bezweifelt werden, zu mal man in Fotocommunities gezwungen ist möglichst viel innerhalb der zur Verfügung stehenden Zeit zu schreiben. Bei möglichst vielen, verschiedenen Fotografen. Dieser Druck erhöht sich mit der höheren Einstellfrequenz der Bilder. Wer viel Zeit hat, der wird das Pensum bewältigen, aber sich auch gebunden fühlen und in Abhängigkeit geraten. Wer wenig Zeit hat, der wird den kürzeren ziehen und versuchen einen gesunden Abstand zu gewinnen. Wer es nicht schafft, dem wird nichts anderes übrig bleiben als auf Filter zu hoffen, oder wie auf einem Dorfplatz nur die lautesten Schreier oder den eigenen Tinnitus zu hören.
Mit der sogenannten konstruktiven Kritik verhält es sich ähnlich wie mit dem geflügelten Wort von den Grenzen der Satire. Keiner weiß so recht, was es bedeutet, außer der Ge- oder Betroffene, der weiß es plötzlich sehr genau.
Als ich vom Saulus zum Paulus wurde, und mich vor über einem Jahr entschloss, (FOTO-)Communities eher kritisch zu beäugen, als sie noch jemals wieder als Chance zu sehen oder zu bezeichnen, war daran unter anderem der große Streitpunkt der konstruktiven Kritik schuld. Ich hatte einst versucht mich dem Thema ernsthaft und teilweise zurückhaltend anzunähern, in dem ich zu beweisen suchte, das es innerhalb so großer Menschenansammlungen wie die heutigen Communities keine konstruktive Kritik in dem gewünschten Sinn geben kann. Ich scheiterte fruchtlos. Dieser geflügelte, kaum reflektierte Begriff ist nicht ab zu schaffen. Obwohl er es wert wäre.
Umso dankbarer bin ich Andreas Hurni, dass er sich der Thematik freiwillig noch mal annimmt und zu ähnlichen Schlüssen wie ich kommt. Auch wenn er eher höflich mahnt und damit unter Umständen eine Arbeitsgrundlage oder zumindestens eine Diskussionsgrundlage schaffen will.
Ich lehne den Ansatz einer konstruktiven Kritik auf Netzebene für einzelne Werke explizit ab und verfechte eher den Kurs, das man sich den Werken anderer Menschen mit den natürlichsten Gefühlsregungen annähert, die dieses Werk entweder ablehnen oder annehmen. Dieses Ablehnen kann schroff sein, es kann gelangweilt sein, genauso wie die Begeisterung für ein Werk scheinbar unkritisch und hysterisch wirken darf, aber zu mehr wird das Netz niemals in der Lage sein. Denn im Gegensatz zu einer Offlinegroupe, die sich in einem workshop-Charakter mit einem Thema beschäftigt, ist der Reiz des Netzes eher jener, der den geneigten Betrachter dazu verführt über seinen Tellerrand zu schauen. Das er damit nicht zum Experten wird, aber durchaus Geschmack beweisen kann oder auch nur Geschmack haben kann, versteht sich von selbst.
Während der eine oder andere brüskiert ist, wenn der Laie sein Nichtgefallen äußert oder verstört reagiert, wenn man ihm anonym mitteilt nichts weltbewegendes geschaffen zu haben, fand ich es immer ausgesprochen spannend, jene unbekannte Menge aus Pfarrer, Milchmädchen und Börsenmakler mit meinen verschrobenen Fotos zu erreichen. Ich fühlte mich genauso geehrt, wenn ich merkte, das fünfzehnjährige Mädchen in Australien meine Fotos weitergaben, wie wenn einer meiner hochverehrten Götter herab blickte und das, was ich machte für gut befand.
Ich fand es eher anstrengend, wenn mir jemand seine Fachkompetenz beweisen wollte, in dem er mir eine strukturierte Analyse meiner Fehler antat und versuchte mir dieses als konstruktiv (weil mit Anleitungen “zum-Besser-machen” versehen) verkaufen wollte. Ich nahm es hin, nickte es ab, aber beeindruckt hat mich es mehr, wenn die Leute, die mit mir einen Wein tranken und das Brot brachen, die Krümel beiseite wischten und meine Bilder gelangweilt oder verliebt ansahen. Sie mussten mir nie sagen, was ich besser machen sollte oder was sie gut fanden, und dennoch lernte ich soviel davon, das ich voller Inspiration und halb besoffen daraufhin wieder heim ging.
Andreas Hurni hat fünf Gründe dafür aufgeschrieben, warum konstruktive Kritik in Fotocommunities oft bei einzelnen Bildern nicht funktionieren kann. Ich zitiere:
Der Autor ist uns im allgemeinen nicht bekannt, ebenso seine Ansichten zur Fotografie.
Meistens hat er sich zum Bild nicht oder noch nicht geäussert.
Zudem gibt es von der Aufnahme keine Alternativen zu sehen
und die Aufnahmesituation ist unbekannt.
Es ist unbekannt, welche Art von Kritik erwartet wird, falls überhaupt.
Ich möchte dazu ergänzend sagen: Ich gehe davon aus, dass Bilder ohne Fotografen funktionieren müssen. It’s the song, not the singer. Ich bin nur sehr schwer dazu bereit etwas über mich, meine Art zu fotografieren zu erzählen, wenn ich weiß, dass dieses zur Bildinterpretation oder zur Kritikhilfe dienen soll. Dann ist mir das nämlich gar nicht recht, dann würde ich gerne darauf verzichten. Dann verzichte ich schließlich auch darauf.
Ich gehe davon aus, dass Bilder entweder als Cover oder als Poster oder Kalenderblatt dem Betrachter begegnen. Ich denke dabei aber auch an Museen, wo die Erklärungen der Bilder ein kleiner, teilweise nichts sagender Zettel ist (ich muß unbedingt noch etwas über die Fotoausstellung im Stuttgarter Cubus schreiben, wenn ich noch Zeit habe). Das Bild muss auf den Betrachter erstmal wirken, bevor er geneigt ist, sich mit Aufnahmesituation etc. zu beschäftigen. Das heißt: Bevor der Betrachter den theoretischen Hintergrund weiß, steht seine Entscheidung schon fest, ob er das Bild mag. Und dieses Empfinden ist – in meinen Augen – viel wertvoller als der verbrämte, kraftvolle Versuch eine Erklärung dafür zu finden.
Viele Fotografen in den sogenannten Fotocommunities, die sich die angezettelten Diskussionen auf die Fahnen schreiben, erbitten sich die sogenannte “konstruktive” Kritik und verbieten sich Lobhudeleien, die sie all jenen unterstellen, die aus ihrer Zuneigung zu dem Bild wenig Worte machen. Das Problem der Communities ist, das sie auf Werbung beruhen. Wer viel Aufmerksamkeit will, der muss sie erregen, der muss hervorstechen, der muss schreiben, denn was anderes geht nicht (sieht man mal von sensationellen Bildern ab, die nur ca. 1/20stel aller Fotografen wirklich dauerhaft hin bekommen. Das dürfte noch zu hoch gegriffen sein). Somit schreibt sich derjenige, einen Wolf, der Response für seine Bilder will. Und er schreibt sich solange einen Wolf, bis er merkt, das sich andere auch unter seinen Bildern einen Wolf schreiben, und das dieses System eventuell darauf aufbaut, das man viel Arbeit rein stecken muss, um viel zu ernten. Was dann aber nicht wirklich etwas mit Fotografie zu tun hat. Sondern eher mit einem Pilotenspiel. Und da scheint die Forderung nach konstruktiver Kritik berechtigt.
Bleibt nur die Frage: Was soll dabei raus kommen, wenn Laien sich in der konstruktiven Kritik üben und auf demselben Level wie der Fotograf, Tipps geben, die selten “state of the art” sind, aber sehr viel aussagen über die Herkunft und die Motivation des Kritikers? Was soll der Kritisierte damit anfangen? Wird er sie als konstruktiv betrachten? Mitnichten.
Um ein plastisches Gegenbeispiel zu geben. Der Sinn der konstruktiven Kritik lag oder liegt in einer Anleitung des Bessermachens, die einem z.b. bei einem Aktzeichenkurs in der VHS begegnen kann. Das Model steht in der Mitte einer Gruppe, denen es darum geht einen möglichst naturalistische Abbildung dessen, was sie sehen, anzufertigen. Der Professor/Dozent/Maler geht von einem zum anderen, bemängelt hier die Ausmaße der Hüfte, dort die Haltung des Kopfes, und hier wieder die mangelnde Detailzeichnung der Hände, entwirft Alternativen, und gibt Ratschläge, wie man den Schatten besser einbindet.
Klar, um was es geht?
Maximal der Workshop, die gemeinsame Zielsetzung, die Anleitung einer anerkannten Respektsperson, das klare Wissen um Kenntnisstand und handwerklichem Vermögen, erlaubt eine sogenannte konstruktive Kritik. Darum: Fotografen, geht offline, fotografiert und betrachtet das Internet als großen Fotoband. Hütet euch davor in einem Fotoband überall eure differenzierten Kommentare auf das Blatt und unter das Foto zu schreiben. Ein einfaches “Gut!” tut es auch. Weiß jeder was gemeint ist, und ihr macht euch nicht lächerlich.
Und vor allem: Macht Fotos, schaut Bilder, macht Fotos. Und bitte: Macht immer andere Fotos als alle anderen. Immer. Unbedingt. Versucht die Bilder zu machen, die noch keiner gemacht hat.
Andreas Hurni macht sich in seinem Blog “schöner fotografieren” einige Gedanken über Fotocommunities/Fotoportale. Er macht dieses sehr humorvoll, mit einem Augenzwinkern, also durchaus auch kritisch und mit einigen Jahren Erfahrung an diesen Orten. Er führt dabei kenntnisreich einen großen Teil der geläufigen fotografischen Richtungen vor, ihre Begründungen und verweist darauf, dass es im Prinzip, in der Logik der Fotocommunities für jede dieser Richtungen eine entsprechende Nische, Kuschelecke oder Experten-Spielwiese gibt.
Das Überfliegen hat mich zu einem Widerspruch veranlasst. Zwar gehe ich gerne konform mit der Ansicht, das ein Fotoportal oder eine Fotocommunity einem italienischen Dorfplatz gleicht, nur muss diese Metapher ja nicht unbedingt positiv besetzt sein. Oder anders gesagt: Wer ist den auf diesem Dorfplatz, wer wird geduldet, wer reist durch, wer bleibt Zaungast und wer wird auch noch nach vielen Jahren dort sein? Was auf dem ersten Blick wie ein heterogenes Treiben aussieht, wird irgendwann eine ausgesprochen homogene Form haben, wenn man es länger beobachtet. Soll heißen: Ist diese große Community, in der man sich seinen Platz suchen kann oder darf, nicht vielleicht der Fehler an der Geschichte? Mer integriere jeden, egal ob er will oder nicht. Isser da, isser drin.
Ich bin Andreas dafür dankbar, dass ich nach langer Zeit mal wieder darauf verfallen bin, mir über Communities und ihrem Sinn und Zweck Gedanken zu machen. Und ich komme mehr und mehr zu der Ansicht, das die Ausweitung und Größe eben der Fehler ist. Nichts gegen einen italienischen Dorfplatz an sich, aber lasst uns viele Dörfer machen, in die es zu wandern Spaß macht. Befreit sie von ihrer Uniformität, respektiert ihre Grenzen und benehmt euch wie Touristen, wenn ihr einen besucht. Und überhaupt: Der Besuch kann manchmal lehrreicher sein als die ständige Anwesenheit oder dauernde Mitgliedschaft.
Was ich sagen will ist folgendes: Der Versuch viele Leute mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner zusammen zu bringen, ist nicht unbedingt das, was - Individualität oder Verzweigungen fördert - Platz bietet für diese Individualisten - und generell für Frieden sorgt.
Sondern es ist unterm Strich die beste Möglichkeit Wettbewerbe zu veranstalten, Darwinismus und entsprechenden Ehrgeiz zu fördern und einen Mainstream zu kultivieren. Oder um an den italienischen Dorfplatz zu erinnern: Wird der Dorfplatz zu voll, dann konzentriert sich die Menge immer auf die, die am lautesten schreien.
Ich sage es mal so: Konservativ genannt zu werden muß ja nicht immer eine Beleidigung sein.
Seit einiger Zeit versucht man mir klar zu machen, das Video und Foto Brüderlein und Schwesterlein sind, die bei der Geburt getrennt wurden und nun wieder erfolgreich zusammengeführt werden. Flickr hat es schon Anfang des Jahres vorgemacht, die videocommunity legt schon immer Wert darauf, das sie mit der Fotocommunity eine Art Einheit darstellt; und digitale Kameras, die ein kleines oder größeres Filmchen aufnehmen, obwohl sie eigentlich fürs Fotografieren gedacht waren, gibt es sowieso schon die ganze Zeit. Allein die Qualität war beständig lausig, aber das hat sich nun ja auch geändert.
Ohne Zweifel: Es gibt unglaublich künstlerische Videos, im und außerhalb des Netzes, die durchaus eine Qualität vorweisen, die in der Lage ist sogenannte Stills am laufenden Meter zu produzieren, und damit in Konkurrenz zur herkömmlichen, aufwendigen Fotografie treten können. Es gibt da draußen auch sehr viele Menschen, die inzwischen in beiden Thematiken unterwegs sind und darin sehr gute Ergebnisse liefern. Es gibt Fotografen, die sowohl im filmischen Sektor, wie auch im fotografischen gleichermaßen stilbilden und erfolgreich sind. Als Beispiel sei hier nur Anton Corbijn genannt.
Löst sich damit also die Thematik Foto in Luft auf, zerlegt sich in ihre Bestandteile und wird nur noch als Ausschnitt eines Films benötigt, nicht mehr als eigenständige Form? Video killed Photo?
Was verwundert, das ist, das das Netz hier Vorreiter spielt und scheinbar massiv auf die Verwandschaft der beiden medialen Formen hinweist, und das die Macher der Portale ebenfalls der Überzeugung anheim fallen, das bewegte Bild sei ein Mehrwert für die Fotografie.
Zugegeben: Es hat was verführerisches. Aber das erstaunliche ist doch, das die Thematik an sich einige Jahrzehnte, im Grunde über ein Jahrhundert zu spät, nochmal fehlerhaft neu aufgerollt wird. Die Digitalisierung der bewegten Bilder (oder nennen wir es Demokratisierung) führt nun wieder zu Kernfragen, die es schon mal gab. Warum stille, unbewegliche Bilder machen, wenn es hochauflösende Filme gibt, die eine Kinoleinwand ausfüllen können? Warum überhaupt sich damit beschäftigen, eine komponierte Aufnahme vom Strand und dem Surfer zu machen, wenn man ihn filmen kann? Warum auf etwas länger verharren und es festbannen, als gäbe es einen unwiederbringlichen Augenblick, wenn man diesen im Endlosloop wiederholen kann (und dabei die Zeit verlangsamen, stretchen, stakkatohaft pulsieren lassen und was weiß ich)?.
Warum gab es nochmal Fotografie, wenn doch das bewegte Bild erfunden wurde, und preisgünstig unter die Leute zu bringen war?
Oder wieso gibt es Bücher, wenn es doch Hörbücher gibt? Und das selbst in den USA, wo der Mensch rastlos lange Strecken zurücklegt, von denen wir nur träumen und die Hörbücher seit Jahrzehnten schon ihren Markt haben?
Ich möchte diese Fragen nicht wirklich beantworten, denn ich kann das schlußendlich nicht. Es hat nichts mit Logik zu tun, wenn ich mir niemals ein bewegtes Bild an die Wand hängen würde. Und es mag vielleicht ein anachronistisches Verhalten sein, in einem Fotobuch staunend vor und zurück zu blättern um die Sichtweise eines Fotografen aufzuschlüsseln. Unterm Strich kann es nicht zur Klärung beitragen, wenn ich darauf verweise, das die Häufung zeitaufwendiger, fremdgesteuerter Inhalte, die ich nur über einen ablaufenden Scrollbalken erfassen kann, mir niemals die Ruhe und Nachdrücklichkeit vermitteln werden, wie es ein Foto kann. Aber ich will versuchen es auf einen Nenner zu bringen: Wer mir die Verwandschaft der beiden Medien aufdrängen will, der behauptet letztendlich, das die Poesie des Versmasses und der Reduktion eines Gedichtes ähnlich zu betrachten ist wie die Prosa eines populär-belletristischen Romans im bibelstarken Umfang. Wo die Fotografie sich auf das notwendige eines Haikus zurück zu ziehen vermag, da wird der Film zu einem epochalen Zeitfresser, der mich bindet und versucht nicht mehr loszulassen.
Dieser Weg – “nimm alles, mache es fett und gibt mir deine Zeit. Make a video!” – ist erstaunlicherweise jener Punkt, der es dann doch schafft mir die Portale zu entfremden, die mit aller Gewalt ihren Brandname nutzen, um mit unschuldiger Miene zu behaupten, das Film die logische Fortsetzung, Erweiterung und Möglichkeit des Fotos sei. Als ob man sich nicht schon vor langer Zeit bewußt für das Eine entschieden hätte.
Am 05.05.2007 findet ein flickr-event statt, das sich “24 hours of flickr” nennt. Sinn der Aktion ist eine Gruppe, in deren Pool nur Bilder gelangen sollen, die am 05.05.2007 weltweit aufgenommen wurden. Letzter Uploadtermin für diese Gruppe soll der 21.05.2007, damit auch die analogen Fans eine Chance bekommen.
Das Ganze erinnert etwas an die Buchprojekte, die in den 80er Jahren für Furore sorgten (“A day in the life of australia” etc.) und so scheint es fast logisch, das man scheinbar auch bei Flickr ein entsprechendes Buchprojekt plant.